 ihr werdet uns sehen wie wir sind.« Das Elend, zu dessen
Vertrauten Luise ihre Leser machen wird, rührte nicht von jener großen
Naturnotwendigkeit her, aus deren eisernen Banden kein Sterblicher sich oder
seine Brüder zu erlösen vermag: die ganze Unvermeidlichkeit desselben lag
lediglich, in dem konventionellen Kreise, den die gute Gesellschaft um sich
gezogen hat, und an dessen Schranken sich Einzelne den Kopf zerstossen mögen, als
kämpften sie gegen das Schicksal selbst. Wie viele hundert Familien stehen in
ähnlichen Verhältnissen, in ähnlichen Verbindungen, haben, für das gleichgültige
Publikum, einen ähnlichen Schein von Wohlstand und feinen Sitten, wie Luisens
Haus: indessen sie ein ähnliches Gewühl von Schwächen und kämpfenden
Leidenschaften verschließen, die, so lange sie nur leise unter sich gähren, nur
hie und da eine kleine Schlechtigkeit hervorbringen, das öffentliche Ansehen
nicht schmälern, dessen man unter jenen Bedingungen genießt; wenn sie aber
einmal, bei lebhafter organisirten oder sittlicheren Menschen, sich bis zur
Raserei oder zum Verbrechen entzündet haben, einstimmige Proskription auf die
Unglücklichen herabziehen, deren Beispiel aus den Gewohnheiten, in welchen man
so sanft ruht, aufschrecken möchte! Denn um zu bessern straft die Konvenienz
nie: sie straft unerbittlich, schnell, und ungehört, um die Quellen des Übels
unaufgesucht, um das Heiligtum von Verderbnis unangetastet zu erhalten.
    Wenn sich solche Verhältnisse, die man alsdann nicht für traurig, nicht für
schrecklich, nicht für unsittlich, sondern für ärgerlich ansieht, in einer
Familie zu offenbaren anfangen, so erstaunt man, so zischelt man sich solche
unter einander zu, und stellt die Sache dem waltenden Schicksal anheim: denn,
außerdem dass sie ein Gegenstand der Gespräche am Teetisch ist, hat sie für
niemanden Interesse. Ist es dann endlich, durch die diskrete Behandlung, unter
das große Publikum gekommen, dass Mademoiselle N. sterblich in Herrn N. N.
verliebt ist, dass aber ihre Eltern die Neigung missbilligen, das es sehr lebhafte
Auftritte gibt, dass Mademoiselle heute mit rotgeweinten Augen in diese oder
jene Gesellschaft gekommen ist, oder dass sie wirklich den Verstand verloren hat,
dass der Mann, den sie auf Überredung ihrer Familie genommen, sich nicht um sie
bekümmert, dass man sie einer Wärterinn überlässt, die sie mit Ruten peitscht,
verhungern lässt, u.s.w. - so empfindet zwar die Familie, Unschuldige wie
Schuldige, eine gewisse nachteilige Wirkung dieser Gerüchte in der öffentlichen
Meinung, die zu versöhnen sie indessen ein unfehlbares, aber einziges Mittel
hat, sobald sie das geschehene Übel wieder unter etwas äußeren Anstand zu
vergraben weiß, wo es dann rettungslos austoben mag; dahingegen jeder mögliche
Schritt, es zu verbessern, das allgemeine Skandal nur vermehren, und auch in der
Tat, durch die
