
diese kennen? - In den großen Städten, in der großen Welt, wird der Wert des
Weibes in Annehmlichkeit und Grazie gesetzt; zu glänzen, dieses ist der Zweck
ihrer Erziehung; hierauf wurden alle Fähigkeiten ihres Geistes gerichtet. Mit
dem Verlangen nun Eroberungen zu machen, mit der Begierde der Vergnügungen zu
genießen, mit einer Leere des Geistes und des Herzens tritt das junge Mädchen
nun in ihrem funfzehnten oder sechszehnten Jahre in die Welt. Alles schmeichelt
da ihre Sinne, überall erblickt sie Beispiele der Koquetterie, der
Zügellosigkeit, in dem Gewande des Witzes, der Annehmlichkeit und der
Galanterie; sie wird fortgerissen, sie glaubt auf der Bahn der Vergnügungen die
Blumen ihres Frühlings zu pflücken; so wird sie verheiratet, ihre Vergnügungen,
ihre Leidenschaften zu befriedigen, ist ihr zum Bedürfnis geworden, weil ihr
Geist keine andere Beschäftigungen kennt, als diese, und ihnen opfert sie die
Pflichten der Gattin und Mutter, von denen sie kaum einen Begriff hat. - Auf
dem Lande und in den Provinzstädten ist der Begriff vom wahren Werte des Weibes
eben so unrichtig; man lässt ihn in einer guten Haushälterinn bestehen, und macht
also einen Teil ihrer Pflichten zum ganzen Umfange derselben. Allein an die
moralische Bildung des Mädchens wird nirgends gedacht; sie kann so eine gute
Wirtschafterinn, eine geschickte Näherinn werden, allein nicht Gattin, nicht
Mutter, nicht Erzieherinn; nicht das kluge, über das wahre Interesse ihrer
Familie aufgeklärte Weib, nicht die weise und gute Hausfrau, welche die Mutter
aller ihrer Leute ist, nicht die liebevolle Freundin der Menschen, welche
tätig am Glücke ihrer Mitbrüder arbeitet. - Denn nur der richtige Begriff von
ihrer wahren Bestimmung, und eine richtige Bildung des Verstandes, werden sie zu
dem allen machen. -
    Kaum hatte Elisa aufgehört, zu sprechen, als Wallenheim mit einem andern
jungen Manne hereinkam; er nahm ihn bei der Hand, und führte ihn zu seiner Frau:
Liebe Elisa, sprach er, Herr von Felsing ist seit Kurzem unser Nachbar geworden;
er ist einer meiner besten Freunde, und er wünschte, die Gattin seines Freundes
kennen zu lernen. Elisa begrüßte ihn freundlich. Felsing blieb zu Mittage bei
ihnen; er hatte nicht das Rauhe von Wallenheim, sondern etwas Sanftes und
Einnehmendes in seinem Wesen. Die Gewohnheit, sich von ihrer ersten Jugend an zu
sehen, hatte Felsing und Wallenheim zu Freunden gemacht; denn Beider Landgüter
gränzten an einander; allein Felsing war erst seit einigen Wochen, nach dem Tode
seines Vaters, Besitzer desselben geworden; sein Vermögen war indes nur
mittelmäßig. Er kam oft nach Wallental, Henriette gefiel ihm; Elisa sah mit
Vergnügen ihre gegenseitige Neigung. Oft wenn Felsing und Henriette traulich
beisammen gingen, dachte sie an Herrmann, an
