 auch, aber meine Einbildungskraft zeigt mir Dich, als
das Ideal weiblicher Vollkommenheit, und ich will, dass Du es erreichen sollst.
    Elisa. Ich, Vollkommenheit erreichen, so weit sie ein Weib erreichen kann?
O, Henriette, dieser Gedanke erhöht mein ganzes Selbst!
    Henr. Und er schmeichelt meinem Stolze, wenn ich denke, dass auch ich daran
arbeite. Doch, ich täusche mich. Wenn Elisa die Vollkommenste ihres Geschlechts
wird, so ist sie es durch ihren Vater, durch sich selbst geworden.
    Elisa. Vollkommenheit! hoher, erhabener Begriff, den wir kaum fassen können,
dir werde ich mich nicht nähern! aber gut will ich werden, und hierzu, meine
Henriette, bedarf ich Deiner Hilfe!
    Henr. Ja, Elisa, nie werde ich schweigen, wenn Du fehlst, nie Dir die
Wahrheit verhüllen. Meine ganze Seele hängt an Dir, ich teile Deine Tugenden,
Deine Fehler, ja die Erstern machen mich stolz.
    Elisa. Liebes Mädchen! Sei versichert, von heute an bilde ich mir keine
Menschen mehr, Du zeigst mir, dass ich Unrecht hätte, wenn ich mehr suchte, als
ich schon gefunden habe. -
    Elisa und Henriette umarmten sich, wie nur reine Seelen sich umarmen können,
welche der Tugend Bund beschwören. Stummes Entzücken, und Ergiessung des Herzens,
war in dem Kusse der Freundschaft. Eine sah in der Andern die liebevolle,
erhabene Seele, und beide liebten sich um so mehr. So verflossen noch einige
Jahre, in welchen Elisa, immer noch von ihrer feurigen Einbildungskraft
geleitet, das Ideal des Schönen und Großen nicht mehr in Andern suchte, sondern
in sich zu erreichen sich bestrebte. Sie gewöhnte sich, Dinge und Menschen zu
betrachten, wie sie wirklich waren. Den schönen Traum von Tugend; Freiheit,
Gleichheit unter allen Menschen, träumte sie zwar auch, sah auch ein, dass es
möglich werden könnte, und dass, wenn die Menschen besser wären, sie auch
glücklicher sein würden; allein dieses wurde zu ihrer Zeit so viel gesagt und
geschrieben, ohne dass die, welche es am häufigsten sagten, bei sich selbst diese
große Verbesserung anfingen. Elisa sagte es nicht, aber sie wollte es sich durch
sich selbst beweisen. Sie sah, dass die Menschen nach unsern politischen und
bürgerlichen Einrichtungen nicht besser sein konnten; dass notwendige Ursachen
eben diese Einrichtungen hervorgebracht hatten, das sah sie auch, und dass diese
gleichwohl nicht eher würden geändert werden, als bis die Menschen klüger und
besser würden, das erkannte sie. Auch dachte sie, dass ein Jeder, der dieses
einsieht, hierzu beitragen könnte; zwar nicht durch das beständige Zurufen:
Werdet besser, und werdet glücklicher! sondern durch Handlungen,
