 Ich habe die Tugend in ihrer ganzen Größe gesehen, und in
ihr meine eigne Niedrigkeit erblickt. Mich wieder über mich selbst erheben, und
die Wollust fliehen, soll von heute an das Bestreben meines Lebens werden. Ich
verlasse morgen B .... Nehmen Sie aber Ihre Juwelen zurück, gnädige Frau, Sie
sehen, dass, wenn ich alle diese Sachen verkaufe, die nur Bedürfnisse des Luxus
sind, und mir unnötig werden, ich meine Schuld bezahlen kann. Ich opfere diese
Sachen auch nur meinem eignen Stolze; denn sie würden mir unaufhörlich zurufen:
Wir sind der Lohn deiner Schande!
    Elisa. Wohl Ihnen, Rosalie, Ihre Seele ist unverdorben geblieben! Sie war
von der Natur zur Tugend bestimmt; nur jugendlicher Leichtann und Übereilung
konnten Sie auf Abwege führen. Es ist schön, in der Blüte der Jugend und
Schönheit, von ihnen zurückzukommen! Allein, (sie ergreift Rosaliens Hand.) Sie
sollen der Tugend nicht Ihre Gemächlichkeit opfern, Ihre Rückkehr zu ihr soll
Ihnen durch Entbehrung des Angenehmen nicht schmerzhaft werden, Sie sollen nicht
in Mangel geraten; Ihre Phantasie könnte Ihnen sonst Ihre vorige Lage mit
verschönerten Farben wieder vorstellen, und sie Sie zurückwünschen lassen. Sie
sollen empfinden, dass man im Schoss der Tugend jedes Gute doppelt genießt.
Behalten Sie also von Ihren Sachen, was Notwendigkeit Ihnen nicht heischt, zu
verkaufen, und - (sie wendet sich gegen Wallenheim.) Wallenheim, Sie erlauben
mir doch, Rosalien meine Juwelen, als ein Geschenk anzubieten?
    Wallenh. Sie allein können nur über alles, was Sie besitzen, gebieten, und
ich kann nur Sie bewundern!
    Elisa. (Errötet, und mit dem ganzen Ausdruck der Liebe blickt sie auf
Wallenheim, zu Rosalien.) Um der Tugend willen also, schöne Rosalie, nehmen Sie
mein Geschenk an!
    Rosalie. O, gnädige Frau! wollen Sie denn nur allein so großmütig sein?
    Elisa. Rosalie, in Ihrer gegenwärtigen Lage ist es eben so großmütig mein
Geschenk anzunehmen.
    Rosalie. Ich sehe es, es wäre Beleidigung, Sie glauben zu lassen, ich hätte
Sie missverstanden! (Sie nimmt die Juwelen, und führt Elisa'n in ihr Kabinet vor
ein Gemälde, auf welchem die Tugend geschildert ist, welche dem Titus eine
Krone reicht, auf welcher die Worte stehen: Ich mache unsterblich.)
    Alles, was Sie hier sehen, nehme ich als ein Geschenk von Ihnen an; aber von
Allem soll dieses mir das Teuerste sein. Ich werde es ansehen, als hätten Sie
es mir gegeben, um mich zur Tugend zu ermuntern. Es soll gerade über meinem
Bette hängen, und an jedem Morgen wird es bei meinem Erwachen das Erste sein,
was ich erblicken
