 unser Heute für fromm, und jeden
künftigen Augenblick für den Kranz und Himmel der vorigen. Im Alter hat der
Geist nach so vielen Arbeiten, nach so vielen Stillungen denselben Durst,
dieselbe Qual. - Da alles sich verkleinert in einem höheren Auge: so müsste ein
Geist oder eine Welt, um groß zu sein, es sogar dem sogenannten göttlichen Auge
sein; aber dann müsst' er oder sie größer sein als Gott, weil man nie sein
Ebenbild bewundert. - In meiner Jugend gab ich in einem Trauerspiel dem Helden
alle jene Grundsätze und ließ ihn kurz vorher, eh' er sich den Dolch ins Herz
trieb, noch sagen: Aber vielleicht ist der Tod erhaben; denn ich fass' ihn
nicht. Und so will ich denn die Blutbögen, die aus dem Herzen aufspringen und so
spielend das Menschenhaupt und Menschen-Ich in der Höhe erhalten, wie ein
Springbrunnen die daraufgelegte Hohlkugel schwebend trägt, diesen Springbrunnen
will ich mit dem Dolche ableiten, damit das Ich niederfalle. - Ich schauderte
damals über diesen Charakter; aber ich dachte nachher über ihn nach, und es
wurde mein eigener!« -
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Fürchterlicher Mensch! Dein Blut-Strahl und das Ich darüber ist vielleicht schon
umgefallen, oder bricht bald darnieder. - Und eben diese schwarze Weissagung ist
auch im Herzen Klotildens und Viktors - - O möchtest du, anderer gebückter Mann,
den ich hier vor dem Publikum nicht nennen darf, es erraten, dass ich dich meine,
dass du ebenso wie der unglückliche Lord dein eigenes Ich abfrissest gleich
blutsaugenden Leichen, und dass du in der Sternennacht des Lebens noch einen
eignen tödlichen Nebel um dich trägst! O der Anblick eines großmütigen Herzens,
das sich bloß durch Ideen hilflos macht, und das unzugänglich und betäubt in
seiner Laube aus philosophischen Giftbäumen liegt, färbt oft Tage schwarz! -
Glaube nicht, dass der Lord irgendwo recht habe! Wie kann er etwas klein finden,
ohn' es gegen etwas Großes zu halten? Ohne Achtung gäb' es keine Verachtung,
ohne das Gefühl der Uneigennützigkeit keine Bemerkung des Eigennutzes, ohne
Größe keine Kleinheit. So wenig du aus dem Schwanken der Saiten die Tränen des
Adagio oder aus den Blutkügelchen und dreifachen Häuten eines schönen Gesichts
deine Achtung für dasselbe erklärst: ebensowenig kannst du dein Entzücken für
das Geistige in der Natur mit den körperlichen Fasern derselben rechtfertigen
wollen, die nichts sind als die Flöten-Ansätze und Dis- und Fisklappen der
ungespielten Harmonie. Das Erhabne wohnt nur in den Gedanken, es sei des Ewigen,
der sie ausdrückt durch Buchstaben aus Welten, oder des Menschen, der sie
nachlieset! -
    Ich verschiebe die Widerlegung des Lords auf ein anderes Buch, obwohl dieses
auch eine ist. -
 
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