 unter jenen Baum und lehne den Kopf an ihn und verfolge stumm die Entfernung
bis an den Horizont, der vor Deutschland steht, und niemand stört mein Weinen
und mein stilles Beten.
    Ich war heute zum letzten Male dort, denn morgen gehen wir mit meiner
Mutter, ohne die mein verwaistes Herz nicht mehr leben kann, nach Deutschland
zurück zum besten Freunde der
                                                              treuesten Freundin
                                                                            Kl.«
                                       *
O du gute Seele! - -
    Hart klingt jetzt das sonderbare Blatt vom Lord, das kein Brief, sondern
eine kalte Schutzrede seines künftigen Betragens zu sein scheint:
    »Das Leben ist ein leeres kleines Spiel. Wenn mich meine vielen Jahre nicht
widerleget haben: so ist eine Widerlegung durch die wenigen übrigen weder nötig
noch möglich. Ein einziger Unglücklicher wiegt alle Trunkne auf. Für uns
nichtige Dinge sind nichtige Dinge gut genug; für Schläfer Träume. Darum gibt es
weder in noch außer uns etwas Bewundernswertes. Die Sonne ist in der Nähe ein
Erdball, ein Erdball ist bloß die öftere Wiederholung der Erdscholle. - Was
nicht an und für sich erhaben ist, kanns durch die öftere Setzung so wenig
werden als der Floh durchs Mikroskop, höchstens kleiner. Warum soll das Gewitter
erhabner sein als ein elektrischer Versuch, ein Regenbogen größer als eine
Seifenblase? Lös' ich eine große Schweizergegend in ihre Bestandteile auf: so
hab' ich Tannennadeln, Eiszapfen, Gräser, Tropfen und Gries. - Die Zeit zergeht
in Augenblicke, die Völker in Einzelwesen, das Genie in Gedanken, die
Unermesslichkeit in Punkte; es ist nichts groß. - Ein oft gedachter
trigonometrischer Satz wird zum identischen, ein oft gelesener Einfall schal,
eine alte Wahrheit gleichgültig. - Ich behaupte wieder: was durch Stufen groß
wird, bleibt klein. Wenn die Dichtkraft, die entweder Bilder oder Leidenschaften
malt, nicht in der Erfindung des alltäglichsten Bildes schon zu bewundern ist,
so ist sie es nirgends. In die Stelle eines andern kann sich jeder, wie der
Dichter, wenigstens in irgendeinem Grade setzen. - Die Begeisterung ist mir
verhasst, weil sie ebensogut durch Liköre als durch Phantasien entsteht, und weil
man in und nach ihr am meisten sich zur Unduldung und zur Wollust neigt. - Die
Größe einer erhabenen Tat besteht nicht in der Ausführung, die auf körperliche
Armseligkeiten, auf Bewegen, Stehen, ausläuft, nicht im einfachen Entschluss,
weil der entgegengesetzte, z.B. der, zu morden, ebensoviel Kraft bedarf als der,
zu sterben, nicht in der Seltenheit, weil wir alle in uns dieselbe Tüchtigkeit
dazu, nur aber nicht die Beweggründe dazu empfinden, nicht in allen diesem,
sondern in unserer Prahlerei. - Wir halten unsern allerletzten Irrtum für
Wahrheit, und nur den vorletzten für keine,
