, weil er nichts mehr fürchtet im schauerlich-erhabenen All. -
Der Anblick ist groß, wenn der Engel im Menschen geboren wird, wenn alsdann am
Horizont der Erde die zweite Welt aufsteigt und wenn die ganze Sonnenwärme der
Tugend auf das Herz nicht mehr durch Wolken fällt. -
    Aber der arme Mensch, der gebundne, in Blut versunkne, von Fleisch umfasste
Mensch empfindet bald den Unterschied zwischen seinen Entzückungen und seinen
Kräften; er, der das gelobte Land erkämpfen wollte, da ihm die Trauben desselben
entgegenkamen, stockt, wenn er gegen dessen Riesen ziehen soll (gegen die
Leidenschaften). Gleichwohl verwerf' ich nicht einmal die Übertreibung jenes
Enthusiasmus; der Mensch muss wie Gebäude in die Höhe geschraubt werden, damit er
umgebauet werde; ein Syllogismus gräbt die Blutströme unserer Begierden nicht
ab. Es ist sonderbar, dass der Teufel in uns allein das Recht haben soll, das
Blut, die Nerven, die Getränke, die Leidenschaften zu seinen Kriegsoperationen
und für seine Reichskasse zu verwenden, der Engel aber nicht...
    Indessen ists so: die Menschen sind lasterhaft, weil sie die Tugend für zu
schwer ansehen, und sie werden es wieder, weil sie sie für zu leicht hielten.
Nicht die Vernunft (d.h. das Gewissen) macht uns gut, sie ist der ausgestreckte
hölzerne Arm am Wege der Tugend; aber dieser Arm kann uns weder hintragen noch
hindrängen - die Vernunft hat die gesetzgebende, nicht die ausübende Gewalt. Die
Kraft, diese Befehle zu lieben, die noch größere, sich ihnen zu ergeben, ist ein
zweites Gewissen neben dem ersten; und wie Kant nicht das mit Tinte anzeichnen
kann, was den Menschen schlimm macht, so ist auch das nicht darzustellen, was
sein Herz über dem moralischen Kote aufrecht erhält oder aus diesem emporzieht.
    Wer erklärt es, wenn es Menschen gibt, die von Jugend auf ein gewisses
Gefühl von Ehre entweder besitzen oder entbehren im weiblichen Geschlecht ist
diese Abteilung noch schroffer und wichtiger -, wenn es Menschen gibt, die von
Jugend auf eine gewisse Sehnsucht nach dem Überirdischen, nach der Religion,
nach dem Edleren im Menschen (und nach Systemen, die dieses Edlere besiegeln und
nicht bestreiten) entweder empfinden oder ewig entraten? - - (Bei Kindern ist
warmes Gefühl für die Religion oft ein Zeichen des Genies.) Der Mensch wird
nicht gut (obwohl besser), weil er sich bekehrt, sondern er bekehrt sich, weil
er gut ist.
    Wäre die Tugend nichts wie Stoizismus: so wäre sie ein bloßes Kind der
Vernunft, deren Pflegetochter sie höchstens ist. Der Stoizismus stellt die
Tugend so nützlich, so vernünftig dar, dass sie nichts weiter ist als ein Schluss;
man hat bei ihr
