 um die Hälfte verengert:
so wäre auch die Zeit ihrer moralischen - und physischen - Entwickelung um die
Hälfte verkürzt.
    Mit den Kriegen sind die stärksten Hemmketten der Wissenschaften
abgeschnitten. Sonst waren Kriegsmaschinen die Säemaschinen neuer Kenntnisse,
indes sie alte Ernten unterdrückten; jetzo ists die Presse, die den Samenstaub
weiter und sanfter wirft. Statt eines Alexanders brauchte nun Griechenland
nichts nach Asien zu schicken als einen - Setzer; der Eroberer pelzet, der
Schriftsteller säet.
    Es ist eine Eigenheit der Aufklärung, dass sie, ob sie gleich den Einzelwesen
noch die Täuschung und Schwäche des Lasters möglich lässt, doch Völker von
Kompagnie-Lastern und von National-Täuschungen - z.B. von Strandrecht, Seeraub -
erlöset. Die besten und schlimmsten Taten begehen wir in Gesellschaft; ein
Beispiel ist der Krieg. Der Negerhandel muss in unsern Tagen, es müsste denn der
Untertanenhandel anfangen, aufhören.66
    Die höchsten steilsten Tronen stehen wie die höchsten Berge in den wärmsten
Ländern. Die politischen Berge werden wie die physischen täglich kürzer (zumal
wenn sie Feuer speien) und müssen endlich mit den Tälern in einer - Ebene
liegen.
    Aus allem diesem folgt:
    Es kommt einmal ein goldnes Zeitalter, das jeder Weise und Tugendhafte schon
jetzo genießt, und wo die Menschen es leichter haben, gut zu leben, weil sie es
leichter haben, überhaupt zu leben - wo einzelne, aber nicht Völker sündigen -
wo die Menschen nicht mehr Freude (denn diesen Honig ziehen sie aus jeder Blume
und Blattlaus), sondern mehr Tugend haben - wo das Volk am Denken, und der
Denker am Arbeiten67 Anteil nimmt, damit er sich die Heloten erspare - wo man
den kriegerischen und juristischen Mord verdammt und nur zuweilen mit dem Pfluge
Kanonenkugeln aufackert - - Wenn diese Zeit da ist: so stockt beim Übergewicht
des Guten die Maschine nicht mehr durch Reibungen - Wenn sie da ist: so liegt
nicht notwendig in der menschlichen Natur, dass sie wieder ausarte und wieder
Gewitter aufziehe (denn bisher lag das Edle bloß im fliehenden Kampfe mit dem
übermächtigen Schlimmen), so wie es, nach Forster, auch auf der heißen St.
Helenen-Insel68 kein Gewitter gibt. -
    Wenn diese Festzeit kommt, dann sind unsre Kindeskinder - nicht mehr. Wir
stehen jetzo am Abend und sehen nach unserm dunkeln Tag die Sonne durchglühend
untergehen und uns den heitern stillen Sabbattag der Menschheit hinter der
letzten Wolke versprechen; aber unsre Nachkommenschaft geht noch durch eine
Nacht voll Wind und durch einen Nebel voll Gift, bis endlich über eine
glücklichere Erde ein ewiger Morgenwind voll Blütengeister, vor der Sonne
ziehend, alle Wolken verdrängend, an Menschen ohne Seufzer weht. Die Astronomie
verspricht der Erde eine ewige Frühling-Tag- und Nachtgleiche69; und
