 der höchsten; die Römer, bei denen keine Sprosse, sondern die ganze
Leiter brach, mussten nicht notwendig durch eine Kultur sinken64, die nicht
einmal an unsere reicht. Völker haben kein Alter, oder oft geht das Greisenalter
vor dem Jünglingalter. Schon bei dem Einzelwesen ist der Krebsgang des Geistes
im Alter nur zufällig; noch weniger hat die Tugend darin eine
Sommer-Sonnenwende. - Die Menschheit hat also zu einer ewigen Verbesserung
Fähigkeit; aber auch Hoffnung? -
    Das gestörte Gleichgewicht der eignen Kräfte macht den einzelnen Menschen
elend, die Ungleichheit der Bürger, die Ungleichheit der Völker macht die Erde
elend; so wie alle Blitze aus der Nachbarschaft der Ebbe und Flut des Äters
entstehen und alle Stürme aus ungleichen Luftverteilungen. Aber zum Glück liegts
in der Natur der Berge, die Täler zu füllen.
    Nicht die Ungleichheit der Güter am meisten - denn dem Reichen hält die
Stimmen- und Fäuste-Mehrheit der Armen die Waage -, sondern die Ungleichheit der
Kultur macht und verteilt die politischen Druckwerke und Druckpumpen. Die lex
agraria in Feldern der Wissenschaften geht zuletzt auch auf die physischen
Felder über. Seitdem der Baum des Erkenntnisses seine Äste aus den
philosophischen Schalfenstern und priesterlichen Kirchenfenstern hinausdrängt in
den allgemeinen Garten: so werden alle Völker gestärkt. - Die ungleiche
Ausbildung kettet Westindien an den Fuß Europas, Heloten an Sparter, und der
eiserne Hohlkopf65 mit dem Drücker auf der Neger-Zunge setzt einen Hohlkopf
anderer Art voraus.
    Bei der fürchterlichen Ungleichheit der Völker in Macht, Reichtum, Kultur
kann nur ein allgemeines Stürmen aus allen Kompass-Ecken sich mit einer
dauerhaften Windstille beschließen. Ein ewiges Gleichgewicht von Europa setzt
ein Gleichgewicht der vier übrigen Weltteile voraus, welches man, kleine
Librationen abgerechnet, unserer Kugel versprechen kann. Man wird künftig
ebensowenig einen Wilden als eine Insel entdecken. Ein Volk muss das andere aus
seinen Tölpeljahren ziehen. Die gleichere Kultur wird die Kommerzientraktate mit
gleichern Vorteilen abschließen. Die längsten Regenmonate der Menschheit - in
welche die Völkerverpflanzungen allzeit fielen, so wie man Blumen allzeit an
trüben Tagen versetzt - haben ausgewittert. Noch steht ein Gespenst aus der
Mitternacht da, das weit in die Zeiten des Lichts hereinreicht - der Krieg. Aber
den Wappen-Adlern wachsen Krallen und Schnabel so lange, bis sie sich, wie
Eberhauer, krümmen und sich selber unbrauchbar machen. Wie man vom Vesuv
berechnete, dass er nur zu 43 Entzündungen noch Stoff verschliesse: so könnte man
auch die künftigen Kriege zählen. Dieses lange Gewitter, das schon seit sechs
Jahrtausenden über unserer Kugel steht, stürmt fort, bis Wolken und Erde
einander mit einem gleichen Maß von Blitzmaterie vollgeschlagen haben.
    Alle Völker werden nur in gemeinschaftlicher Aufbrausung hell; und der
Niederschlag ist Blut und Totenknochen. Wäre die Erde
