 überhaupt da ich Schaltjahre lang
darüber sprechen wollte: warum einen Schalttag lang? -
                                       S
Streiche. »Wer seines Herrn Willen weiß und tut ihn nicht, soll doppelte
Streiche leiden.«- Wer leidet denn die einfachen? Der doch nicht, der den Willen
nicht weiß und nicht tut? - Also folgt, dass größere Kenntnisse die moralische
Schuld nicht erschweren, sondern erst erzeugen! Denn insofern ich eine
moralische Verbindlichkeit gar nicht einsehe, ist mein Verstoss dagegen ja nicht
kleiner, sondern keiner.
    Ich will meine eigne Akademie der Wissenschaften sein und mir die folgende
Preisfrage aufgeben, die ich selber in einer Preisschrift beantworten will: »Da
nur eine Handlung tugendhaft ist, die aus Liebe zum Guten geschieht: so kann nur
eine sündig sein, die aus bloßer Liebe zum Bösen geschieht, und die Rücksicht
des Eigennutzes muss den Grad einer Sünde so gut wie den Grad einer Tugend
kleiner machen. Was wäre aber auf der andern Seite noch außer dem Eigennutz in
unserer Natur, was uns zum Schlimmen triebe? Und wenn Böses aus reinem Hang zum
Bösen geschähe! so gäbe es ja eine zweite, obwohl entgegengesetzte Autonomie des
Willens.«
                                       T
Trübsal, Trauer. Jetzt, da ich diese beklemmenden Töne schreibe, die mir
vorsagen, dass die Natur nur Dornenhecken, die Menschen aber Dornenkronen machen:
so vergeht mir die Lust, mit satirischen Dornen um mich zu schlagen, und ich
möchte lieber einige aus euren Füßen oder Händen ziehen.
                                21. Hundposttag
   Viktors Krankenbesuche - über töchtervolle Häuser - die zwei Narren - das
                                   Karussell
Folgende Anmerkung kommt nicht aus dem Tornister des Hundes, sondern aus meinem
eignen Kopf: man braucht kein Lobredner unserer Zeiten zu sein, um mit Vergnügen
zu sehen, dass jetzt Autoren, Fürsten, Weiber und andere die unähnlichen falschen
Larven der Tugend (z.B. Bigotterie, Pietismus, zeremonielles Betragen) meistens
abgelegt, und dafür den echten geschmackvollen Schein der Tugend gänzlich
angenommen haben. Diese Veredelung unserer Charaktermasken, wodurch wir das
Äußere der Tugend schöner treffen, ist mit einer ähnlichen des Theaters gleich
zeitig, auf dem man nicht mehr wie sonst mit papiernen Kleidern und unechten
Tressen, sondern mit echten agiert und tragiert. -
    »Sie wurden schon gestern von der Fürstin verlangt«, sagte der Fürst zum
Hofmedikus, da er mit seinem ausgeleerten Gesicht kaum eingetreten war. Die
Augenentzündung Agnolas hatte durch das Herbstwetter, durch die Nachtfeste,
durch Kuhlpeppers tapfere Hand und durch ihre eigne - denn die roten
Titelbuchstaben der Schönheit, nämlich geschminkte Wangen, wurden immer neu
aufgelegt-sehr zugenommen. Eigentlich war Viktor zu stolz, um sich als einen
bloßen Arzt begehren zu lassen; ja er war zu stolz, um an sich etwas anders (und
wär'
