 auf das weibliche aber größer; welches ein wahres Glück für
das erste und stärkere und - unkeuschere Geschlecht ist. Überhaupt ist
Ehebrechen für Jenner-Fürsten nichts als eine gelindere Art von Regieren und
Kriegen. Und doch stellen rechtschaffene Regenten die Weiber, sobald sie solche
erobert haben, stets dem vorigen Eheherrn mit Vergnügen wieder zu. Es ist aber
dies dieselbe Größe, womit die Römer den größten Königen ihre Reiche wegnahmen,
um sie nachher damit wieder zu beschenken.
    Da Fürsten nicht wie die Juristen böse Christen, sondern lieber keine sind:
so nahm Jenner unsern Viktor durch verschiedene Funken von Religion und durch
einigen Hass gegen die gallischen Enzyklopädisten ein; wiewohl er einsah, dass für
einen Fürsten die Religion zwar ihr Gutes, aber auch ihr Schlimmes habe, da nur
ein gekrönter Ateist, aber kein Teist das unschätzbare privilegium de non
appellando besitzt, das darin besteht, dass die beschwerte Partei nicht (per
saltus oder durch einen salto mortale) an die höchste Instanz außerhalb der Erde
appellieren darf.
    Das Gespräch war gleichgültig und leer wie jedes in solchen Lagen. Überhaupt
verdienen die Menschen für ihre Gespräche stumm zu sein; ihre Gedanken sind
allezeit besser als ihre Gespräche, und es ist schade, dass man an gute Köpfe
keinen Barometrographen oder kein Setzklavier anbringen kann, das außen alles
nachschreibt, was innen gedacht wird. Ich wollte wetten, jeder große Kopf geht
mit einer ganzen Bibliothek ungedruckter Gedanken in die Erde, und bloß einige
wenige Bücherbretter voll gedruckter lässt er in die Welt auslaufen.
    Viktor stellte an den Fürsten die gewöhnlichen medizinischen Fragstücke,
nicht bloß als Leibarzt, sondern auch als Mensch, um ihn zu lieben. Obgleich
Leute aus der großen und größten Welt, wie der Unter-Mensch, der Urangutang, im
25sten Jahre ausgelebt und ausgestorben haben - vielleicht sind deswegen die
Könige in manchen Ländern schon im 14ten Jahre mündig -, so hatte doch Jenner
sein Leben nicht so weit zurückdatiert und war wirklich älter als mancher
Jüngling. - Am meisten bemächtigte sich der Fürst des guten warmen Herzens
Sebastians durch das schlichte Betragen ohne Ansprüche, das weder der Eitelkeit
noch dem Stolze diente, und dessen Aufrichtigkeit sich durch nichts von der
gewöhnlichen unterschied als durch Feinheit. Viktor hatte schon Vasallen neben
dem Munde ihres Lehnherrns so stehen sehen, dass der letzte aussah wie ein
Haifisch, der quer einen Menschen im Rachen trägt; aber Jenner glich einem
Petermännchen23, das darin einen hübschen Stater vorweist.
    Dem Hofkaplan wars, da er kam, in seinem Erstaunen über einen gekrönten Gast
unmöglich, Lippe oder Fuß zu rühren; er verblieb unbeweglich in der weiten
Wasserhose des Priesterrocks, der um ihn wie um Marzipan ein Regalbogen
geschlagen war. Das einzige, was er sich erlaubte und erfrechte, war
