 und seine Eltern von der nämlichen Nation waren, eine
Stelle im Dienst des königlichen Seewesens in Frankreich. Dies war keine
Gelegenheit für ihn, Menschen nach seinem Bild zu finden; was ihn umgab, war
vielmehr Unrecht, Druk, und Vergessenheit aller Pflichten. Sein Herz litt
unendlich dabei, und da er sich eben so fruchtlos nach Glük als nach Tugend
umsah, fing er an, beide weniger für den Lohn, als für den Leitstern des
menschlichen Geschlechts zu halten. Seine schönsten Jahre waren in überspanntem
Streben und trüber Ergebung verflossen, als der siebenjährige Krieg ausbrach,
der für Frankreichs Ehre und Wohlstand so verderblich war, in welchem schamlose
Intrigue, Privatinteresse und Weiberlaune Leben und Gut der Nation in die Hände
spottender Feinde lieferten. Seldorf fühlte alle diese Abscheulichkeiten bei
seinem Dienst zehnfach bitter; die wenigen redlichen Seeoffiziere sahen mit
Zähneknirschen, wie sie und ihre brave Mannschaft durch die Pflichtlosigkeit der
Obern dem Hohngelächter der Fremden preisgegeben waren. Wo indessen der Mut der
Seeleute nicht durch die Ungeschiklichkeit oder Verräterei ihrer Anführer
fruchtlos gemacht wurde, behaupteten sie ihre Ehre; und einige durch Tapferkeit
und Klugheit geglückte Unternehmungen brachten Seldorf früher in seinem Dienst
empor, wie er als Ausländer und Bürgerlicher unter andern Umständen je hätte
erwarten können. Die Tätigkeit, zu welcher er dadurch immer mehr Anlass bekam,
hatte den wohltätigsten Einfluss auf seinen Geist; statt müßiger Spekulation,
sah er nun Würklichkeit um sich her, und wenn er auch dabei auf Gestalten stieß,
die gegen die Bilder seiner ehemaligen Betrachtungen ihm sehr verzerrt vorkamen,
so traf er auch freundliche, anziehende Gruppen, die durch ihre menschlichen
Unvollkommenheiten Zutrauen, und durch manche einzelne Züge Ahnungen hoher
Tugend erwekten. In der erzwungnen Achtung seiner unwürdigen Obern schien ihm
die zertretene Menschheit einigermaßen gerächt, und ihr richtiges Verhältnis
schien ihm in der zutraulichen Liebe seiner mutigen, sorglosen Untergebenen zum
Teil wieder hergestellt. Sein Herz erweiterte sich, denn er fühlte die
mangelhafte Würklichkeit beglückkender als seine vollkommenen Ideale.
    Der Zustand, in welchen das arme Frankreich immer tiefer versank, setzte den
guten Seldorf, als er nach beendigtem Kriege in das bürgerliche Leben
zurückkehrte, zwar in Gefahr, den kleinen Vorrat von Lebenslust, den er
aufgesammelt hatte, wieder einzubüssen. Allein jene unbestimmten Triebe seiner
Jugend waren nun verraucht, des Mannes ruhiger Sinn begnügte sich mit den
gewöhnlichen Hülfsquellen des gesellschaftlichen Lebens; er wollte sich nun auf
immer vor Schwärmerei schüzzen, und beschloss, so nah er auch seinem Herbst war,
mit noch ganz neuem Herzen eine Gattin zu suchen.
    Das weibliche Geschlecht war ihm bisher unbekannt geblieben. Der Begrif von
weiblicher Tugend und weiblichem Adel war seinem Ideengang überhaupt angemessen.
Das einzige Weib, das er je kannte, seine Mutter rechtfertigte diesen Begrif;
ihr Andenken heiligte bei
