 aber es war ein seelenvolles Gefühl, und um so
spannender, als es sich auf einen Betrug der Fantasie gründete. Kummer um ihren
Vater, Furcht bei Theodors unsicherm Schicksal, bange Erwartung bei der
Entscheidung, welche nun über das Vaterland schwebte - alles in ihr und um sie
riss sie über die gewöhnliche Höhe weiblicher Empfindungen empor; in dieser Lage
lohnte sie Rogern mit unbedingtem Vertrauen und der kindlichsten Herzlichkeit,
aber ihm standen noch härtere Prüfungen bevor, die zwar nie seine Treue, wohl
aber seine Kräfte besiegten.
Der ganze Landstrich von la Rochelle bis zur Loire, alles was zu den ehemaligen
Provinzen Bretagne, Poitou, Anjou und Touraine gehörte, war schon in
verschiedenen Zeitpunkten der französischen Geschichte ein Schauplaz bürgerlicher
Unruhen, blinden Eifers, und derjenigen hartnäkigen Anhänglichkeit für Meinungen
gewesen, die gewöhnlicher Weise aus dem Zusammentreffen von Kraft, Rohheit und
Unwissenheit entsteht. Die nämlichen Ursachen, welche zur Zeit der
Religionskriege diese Stimmung der Gemüter in dieser Gegend hervorbrachten,
fanden auch jetzt statt. Mit körperlicher Kraft ausgerüstet, unter einem
Himmelsstrich, wo die Natur es freundlich zum Lebensgenuss einlud, war dieses
Volk durch die Verfassung weniger gequält als beschränkt; alle Fesseln des
Geistes und der bürgerlichen Existenz erbten von Vater auf Kinder fort; heute
wie vor hundert Jahren baute der Landmann, in ärmliche Lumpen gehüllt, an seiner
leimernen Hütte den kleinen Flek, dessen Ertrag ihm keine Freude machte, weil
ihm das Gefühl des sichern Besizes fehlte, das allein in dem Menschen schaffende
Kräfte erwekt. Gleichgültig sah er viele Meilen weite Streken des schönsten
Landes unbearbeitet liegen, indem sein Aker nicht hinreichte, seine Kinder mit
schwarzem Brod zu sättigen; jedes Wechsels zum Besseren ungewohnt, kam auch kein
Plan von Verbesserung in sein dumpfes Gehirn. Die einzige Leidenschaft dieser
Menschen war ihre Religion, denn die Drohung mit der Hölle, und das freche
Versprechen ihrer Priester, sie mit dem Gott zu versöhnen, aus dessen
Barmherzigkeit die Sünder ihren ausschliessenden Handel machten, trieben sie in
einem ihnen angemessenen, engen Krais von Furcht und sinnlosem Hinbrüten bei
ihren ärmlichen Genüssen umher. Ihre lebendige Gottheit auf Erden mussten ihre
Gutsherren sein, denn ob sie gleich ihre Spur öfter durch Druk und Elend als
durch Wohltat erkannten, so mussten diese blinden Geschöpfe dennoch durch die
Wirkung ihrer Allgewalt an sie gefesselt werden. Diesen Druk und diese Gewalt
stellte das ganze Land gleichsam sinnbildlich dar: zahllose Schlösser und
Rittersize, die von ihren Höhen herab die finsteren Hütten der Armut
beherrschten; große Forsten in welche der halbnakte Bauer das übermütige Wild
zurücktrieb, das ihm, troz seiner Wachen in den kalten Frühlingsnächten, die
junge Saat verwüstete; unabsehliche Heiden, deren tote Stille die Herrschaft
ihres mächtigen Besizers würdig ehrte. Der Hauch der Tirannei verzehrte den
Geist des Fleißes
