 sein Feuer
erloschen, seine Kraft gelähmt war. Manchmal ergriff es wohl sein angebohren
Gefühl für Wahrheit und Recht; er gedachte des amerikanischen Kriegs, wie er
damals für fremdes Glük willig geblutet, und unter der zur Freiheit
heranwachsenden Jugend disseits des Meeres sich wehmütig seines zur
Dienstbarkeit geborenen Lieblings erinnert hätte. Die ernsten Worte: Vaterland
und Mitbürger, die für den, welcher sie gebrauchen darf, alle Pflichten des
Mannes und allen Lohn der Tugend enthalten, drangen auf Augenblike in Seldorfs
zerschlagnes Herz, wie eine geistige Arznei in die Adern des unvermeidlich
Sterbenden: noch einmal klopfen die Pulse, noch einmal strahlt Leben im
gebrochnen Auge, noch einmal ergreift er die Hand der weinenden Gattin, aber die
künstliche Wärme durchdringt das schon erstarrte Blut nicht mehr, die Kälte des
Todes kehrt zurück, und die Hand des getäuschten Weibes, welche den Druk der
Zärtlichkeit erwartete, entwindet sich schmerzlich und schaudernd dem
Todeskrampf. Seldorf musste von der Summe von Glük, die er zu ahnen verführt
ward, zu den einzelnen Quellen sich wenden, aus welchen es fließen sollte; und
da scheiterten seine Hoffnungen. Unter den Menschen, die sich jetzt zu den Rettern
der Nation aufwarfen, waren auch die Namen derer, die sein Leben vergiftet, und
seine Wohlfahrt zerstört hatten. Bitter lachend sagte er zu seinem
glaubensvollen Freunde: also im Großen sollen diese Menschen das Gute wollen,
das sie einzeln auf tausend Wegen verhinderten? Also dieser ***, welcher
Menschenglück vor sich niedertrat, wie das ungezähmte Ross die Halmen des Feldes
wo es einbricht, dieser soll nun nach dem Wohl des Volkes streben? - Umsonst
ermahnte ihn Bertier, die Werkzeuge vom Endzwek der Arbeit, und den Plan der
Schöpfung von der Entwiklung des Chaos zu unterscheiden. - Nein, nicht Chaos,
menschenliebender Schwärmer! rief Seldorf; mit dem Chaos ist schaffende Kraft
und Keim verbunden, und davon ruht nichts im Schoss des Tods. Kein Chaos kann
sich hier entwikeln, es ist das Reich der Verwesung, das in ekelhafte Gährung
gerät. Die scheussliche Masse wälzt sich, schäumt und wogt eine Weile, und sinkt
dann in sich zusammen, ein todtes Meer, dessen Dünste jedes lebendige Geschöpf
vergiften, hinabziehen was an seine Ufer nur streift. Armer Greis, hinunter in
dein Grab eh das Gift dich ergreift! Erwache dort von deinen gutgemeinten
Träumen; das Erwachen diesseits würde zu schreklich sein.
    Tau und Frühlingssonne können neues Leben in den vom Bliz zerschmetterten
Eichbaum rufen; auf dem eingestürzten Felsen keimen nach Jahren Moose, und
endlich grünende Kräuter - Öde ohne Hoffnung neuer Jugend ist nur im Herzen des
Armen, der einmal den Glauben an Glük und Menschen verlor. Das Auge seines
Geistes ist erloschen, er blikt nur um sich, um Finsternis
