
Augen auf ihn gerichtet, seine ganze Gestalt durch die spielenden Schatten der
breiten Kastanienblätter in den Strahlen der rötlichen Abendsonne, mit
zauberischem Lichte umgossen! - Rogers unseliger Milchnapf entschied vielleicht
das Schicksal ihres Herzens!
Es erschien nun ein Zeitpunkt, in welchem vieles zusammentraf, um Seldorf in der
einfachen Stille, mit der er die Zeit hatte fortschreiten sehen, aufzustören.
Die Welt war ihm seit langer Zeit so verhasst, gegen alles was außer dem kleinen
Zirkel vorgieng, in welchen sich sein Herz gebannt hatte, war er mit so viel
Härte bepanzert, dass er die großen Bewegungen, welche die französische Nation
damals zu erschüttern anfiengen, mit erzwungner Verachtung für lauter Komödie
und Kinderspiel erklärte. Am allgemeinen Glük wie an dem seinigen verzweifelnd,
erbitterte ihn jeder Versuch, der dahin abzuzweken schien, weil er eine neue
Fehlschlagung für sein Herz dahinter fürchtete - für ein Herz, das freilich
immer nur zu bereit war, diesen schönsten Traum wieder von vorn zu träumen. Der
alte Bertier sah diese Zeiten aus einem sehr verschiedenen Gesichtspunkt; seine
lange Erfahrung hatte manchen Gedanken in ihm entwikelt, der seit dem Anfang des
Jahres 1789 zur Ahnung wurde. Je länger, je mehr schien neue Jugend seinen Geist
zu beleben. Manche Stunde, die er sonst bei seinen unsterblichen Helden der
Vorzeit verträumt hatte, widmete er jetzt den ernstesten Gesprächen mit seinem
Enkel, bildete seinen Geist, und erweiterte seine Begriffe von den Rechten und
Ansprüchen der Menschen um ihn her. Jetzt gestand er die Notwendigkeit einer
Verbesserung, und suchte ihm den einzigen Leitfaden in einer Zukunft, die er
hell vor sich sah, wenn gleich ihre mannigfaltigen Abscheulichkeiten vor seinem
Sinn vorübergiengen, in die Hand zu geben. Sammle früh, sagte er, einen
Reichtum an gutem Gewissen; denn es wird eine Zeit kommen, wo es dem, der das
einzige Notwendige will, schwer werden muss, seinen Handlungen vor sich selbst
das Zeugnis der Gerechtigkeit zu erhalten, und unmöglich vor den Menschen. Wehe
dir, wenn dein Sinn dann nicht mehr rein und fest ist, um dich der Wahrheit zu
opfern!
    Aber Seldorfs trübes Auge war nicht fähig, mit diesem freien Blick benuzter
Erfahrung in die Zukunft zu dringen. Anfangs wies er jedes Gespräch über diesen
Gegenstand mit einer Abneigung von sich, wie sie ein matter Kranker in der
Zwischenzeit der Leiden gegen jede äußere Anregung empfindet. Als die Umstände
ernster, und die Deutungen auf die Zukunft heller wurden, mischte sich eine Art
von bitterem Spott hinein; denn Bertiers warme Freude, über ein Volk dessen
Verderbnis er so lange studiert hatte, den Augenblick der Wiedergeburt aufgehen zu
sehen, und sein mutiger Entschluss, um dieser Wiedergeburt willen auch das
Fürchterlichste nicht zu scheuen, mahnten den Unglücklichen bloß, dass
