 Brutus, kein Kato, kein Mark Aurel geworden
bist; vom Weibe geboren wie jene Helden, strebe ihnen nach, so weit deine Kräfte
dich führen! Freilich ist sie vorbei, die Zeit wo es solche Menschen gab - Nach
alter Sitte wagte es Roger selten, sich in die Gespräche seines Grosvaters zu
mischen, wenn dieser seine Worte nicht gerade an ihn richtete; indessen riss ihn
hier seine Teilnahme hin, er unterbrach lebhaft: Warum sollte es aber keine
solchen Männer mehr geben, da sie noch vom Weibe geboren werden wie damals?
Warum lehren wir unsre Jugend durch Beispiele, die wir nicht nachahmen können?
Warum nähren wir unsre Seele mit Idealen, die unser Zeitalter zu Undingen macht,
die uns selbst zu verächtlichen Misgeburten herabwürdigen? - Warum, mein Sohn?
warum wächst dieser Baum - er wies hier auf einen gezognen Pfirsichbaum - nicht
so mächtig und stark wie die Eiche, unter welcher du mir eine Bank bauen willst?
- Weil er verkünstelt ist, Vater, weil er nicht in seinem angebohrnen Erdreich
steht, weil seine Zweige gefesselt und gezwungen sind, Früchte zu tragen, die
unsre Gierde erzwingt, der einfachen Ordnung der Natur zum Troz. Der Baum muss
sich biegen und schneiden, und aus seiner Muttererde reißen lassen, weil er
sich nur leidend verhalten kann; allein der Mensch .... siehst du, Vater! das
Bild passt nicht; denn der Mensch kann wollen - wohl, sagte der Alte ernst und
bedeutend; so sorge dass nie ein Baum verstümmelt werde um deinen Übermut zu
befriedigen, wache über dich, dass du nie durch Wort und Beispiel einen Menschen
verhinderst, jenen großen Mustern zu folgen; aber vergiss nie, dass du allein
nicht allen verstümmelten Stämmen ihren natürlichen Wuchs zurückgeben kannst;
vergiss nicht, dass Brutus in sein Schwert fiel, weil er allein wollte wozu die
Welt verdorben war. - Roger schwieg erschüttert, da neben einem Namen, vor
welchem der alte Bertier sein Haupt ehrerbietig zu neigen pflegte, der seinige
erwähnt wurde, er fühlte es, als hätte er einen Frevel begangen, und unterbrach
mit keinem Laut die Stille, während deren alle Augen auf dem begeisterten Greis
ruhten: Sara war die erste, die mit schmeichelnder Stimme das Gespräch wieder
belebte.
    Der Geist dieses alten Mannes, der bis zur äußersten Spannung aller Kräfte
ausdauerte, und so wie der Widerstand noch mächtiger wurde als diese Kräfte, in
die heiterste Ergebung übergieng, war, obschon das Widerspiel von Seldorfs
Geist, doch das Vorbild der höchsten menschlichen Weisheit für Seldorfs
unbefangne Vernunft. Oft verglich er die wehmütige Stille, mit welcher er auf
sein vorfrühes Grab zuschlich, und den Siegerschritt, mit welchem Bertier dem
Lohne jenseits entgegeneilte. Auch dieser hatte Betrug
