, mit Ihnen zu phantasieren: ich hoffe aber
nicht, dass meine Phantasien so wild und ungeordnet sind, dass sie der Freund
nicht verstehen sollte. - O wenn mich nur Balder verstände oder verstehen
wollte!
 
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                             William Lovell an Rosa
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Nein, Rosa, Ihre Ideen sind dem Freunde nicht unverständlich. Ist es nicht
endlich einmal Zeit, dass ich Sie und Ihre Meinung ganz fasse?
    Freilich kann alles, was ich außer mir wahrzunehmen glaube, nur in mir
selber existieren. Meine äußern Sinne modifizieren die Erscheinungen, und mein
innerer Sinn ordnet sie, und gibt ihnen Zusammenhang. Dieser innere Sinn gleicht
einem künstlich geschliffenen Spiegel, der zerstreute und unkenntliche Formen in
ein geordnetes Gemälde zusammenzieht.
    Geh ich nicht wie ein Nachtwandler, der mit offenen Augen blind ist, durch
dies Leben? Alles, was mir entgegenkommt, ist nur ein Phantom meiner innern
Einbildung, meines innersten Geistes, der durch undurchdringliche Schranken von
der äußern Welt zurückgehalten wird. Wüst und chaotisch liegt alles umher,
unkenntlich und ohne Form für ein Wesen, dessen Körper und Seele anders, als die
meinigen organisiert wären: aber mein Verstand, dessen erstes Prinzip der
Gedanke von Ordnung, Ursach und Wirkung ist, findet alles im genausten
Zusammenhange, weil er seinem Wesen nach das Chaos nicht bemerken kann. Wie mit
einem Zauberstabe schlägt der Mensch in die Wüste hinein und plötzlich springen
die feindseligen Elemente zusammen, alles fließt zu einem hellen Bilde
ineinander - er geht hindurch und sein Blick, der nicht zurücke kann, nimmt
nicht wahr, wie sich hinter ihm alles von neuem trennt und auseinanderfliegt.
Willkommen, erhabenster Gedanke,
Der hoch zum Gotte mich erhebt!
Es öffnet sich die düstere Schranke,
Vom Tod genest der matte Kranke
Und sieht, da er zum ersten Male lebt,
Was das Gewebe seines Schicksals webt.
Die Wesen sind, weil wir sie dachten,
In trüber Ferne liegt die Welt,
Es fällt in ihre dunkeln Schachten
Ein Schimmer, den wir mit uns brachten:
Warum sie nicht in wilde Trümmer fällt?
Wir sind das Schicksal, das sie aufrecht hält!
Ich komme mir nur selbst entgegen
In einer leeren Wüstenei.
Ich lasse Welten sich bewegen,
Die Element' in Ordnung legen,
Der Wechsel kommt auf meinen Ruf herbei
Und wandelt stets die alten Dinge neu.
Den bangen Ketten froh entronnen,
Geh ich nun kühn durchs Leben hin,
Den harten Pflichten abgewonnen,
Von feigen Toren nur ersonnen.
Die Tugend ist nur, weil ich selber bin,
Ein Widerschein in meinem innern Sinn.
Was kümmern mich Gestalten, deren matten
Lichtglanz ich selbst hervorgebracht?
Mag Tugend sich und Laster gatten!
Sie sind nur Dunst und Nebelschatten!
Das Licht aus mir fällt in die finstre Nacht,
