 mir sein, wie sie wollen; ein buntes Gewühl wird mir
vorübergezogen, ich greife mit dreister Hand hinein und behalte mir, was mir
gefällt, ehe der glückliche Augenblick vorüber ist. -
    Ja, Lovell, lassen Sie uns das Leben so genießen, wie man die letzten
schönen Tage des Herbstes genießt; keiner kommt zurück, man darf keinem
folgenden vertrauen. Ist der nicht ein Tor, der in seinem dunkeln Zimmer sitzen
bleibt und Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit berechnet? Der Sonnenschein spielt
mutwillig vor seinem Fenster, die Lerche singt durch den blauen Himmel - aber er
hört nur seine Philosophie, er sieht nur die kahlen Wände seiner engen
Behausung.
    Wer ist die Gestalt, die in dem frohen Taumel uns in die Zügel des
fliehenden Rosses fällt? - die Wahrheit - die Tugend; - ein Schatten, ein
Nebelphantom, dessen Schimmer mit der Sonne untergehn. - Aus dem Wege mit dem
jämmerlichen Bilde! Es gehört keine Kraft, nur ein gesunder Blick gehört dazu,
um dieses Märchen zu verachten.
    Ja, Lovell, ich folge diesem Gedanken weiter nach. Wohin wird er mich
führen? - Zur größten, schönsten Freiheit, zur uneingeschränkten Willkür eines
Gottes.
    Alle unsre Gedanken und Vorstellungen haben einen gemeinschaftlichen Quell -
die Erfahrung. In den Wahrnehmungen der Sinnenwelt liegen zugleich die Regeln
meines Verstandes und die Gesetze des moralischen Menschen, die er sich durch
die Vernunft gibt. - Alles aber, was die Sprache des Menschen Ordnung und
Harmonie, den Widerschein des ewigen Geistes nennt, alles was sie von der
leblosen Natur auf den geistigen Menschen überträgt; - was sind diese Worte mehr
als Worte? - Unser Verstand findet allenthalben in der Natur die Spuren des
göttlichen Fingers, allenthalben Ordnung, und die Elemente freundlich
nebeneinander - er versuche es doch einmal, die Unordnung und das Chaos zu
denken, oder in der Zerstörung nur den Ruin zu finden! - Es ist ihm unmöglich.
Unser Geist ist an diese Bedingung geknüpft; in unserm Gehirne regiert der
Gedanke der Ordnung, und wir finden sie auch außer uns allenthalben: ein Licht,
das durch die Laterne den Kerzenschimmer in die finstere Nacht hineinwirft.
    Es ist Mitternacht und vom Turme her schlägt es zwölfe. Wenn ich mir diese
Uhr beseelt und verständig vorstelle, so müsste sie notwendig in der Zeit, die
sie nach willkürlichen Abteilungen misst, diese Abteilungen wiederfinden, und
nicht ahnden, dass es ein großer, göttlicher, ungemessener Strom ist, der
vorübersaust, kühn und herrlich und auch nicht eine Spur der kläglichen
Einteilung trägt.
    Willkommen denn wüstes, wildes, erfreuliches Chaos! - Du machst mich groß
und frei, wenn ich in der geordneten Welt nur als ein Sklave einherschreite.
    Sie sehen, Lovell, ich fange an
