, bilde mir
ein, einen Brief zu schreiben, an ein Wesen, das sich nur meine Phantasie
erschaffen hat - o ich muss aufhören, auf diesem Wege kann man wahnsinnig werden;
- und wenn ich es würde? Vielleicht wäre dann die Schranke durchbrochen, die
meinen Geist jetzt noch von allem trennt, was ihm unbegreiflich ist. -
 
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                             William Lovell an Rosa
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Balder hat mir geschrieben und ein merkwürdiges Beispiel gegeben, wie weit ein
Mensch sich verirren könne, wenn er einer kranken Phantasie die Zügel seiner
selbst überlässt. Von Phantomen seiner Einbildungskraft erschreckt, von einer
Krankheit gelähmt, ist er jetzt im Begriffe, an seiner eigenen Existenz zu
zweifeln; der sonderbarste und widersinnigste Widerspruch, den sich ein
moralisches Wesen nur erlauben darf.
    Aber ich kenne den Gang, den die Phantasie bei Balder genommen hat; auch ich
war einst dieser unglückseligen Stimmung nahe. Wenn es noch irgend möglich ist,
Rosa, so suchen Sie ihn zu heilen, söhnen Sie ihn mit dem Leben wieder aus und
schieben Sie ihm statt des ernsten Shakespeare den jugendlichen mutwilligen
Boccaz unter; die Farben sind von dem Gemälde abgesprungen, darum sieht es so
finster und widrig aus; machen Sie die Probe, neue aufzutragen, und es wird so
hell und frisch werden, wie ehedem. - Wenn er erwacht ist, wird er die Zeit
bedauern, die er so unangenehm verträumt hat.
    Freilich kann ich mich nicht verbürgen, ob die äußern Dinge wirklich so
sind, wie sie meinen Augen erscheinen: - aber genug, dass ich selbst bin; mag
alles umher dasein, auf welche Art es will, tausend Schätze sind über die Natur
ausgestreut uns zu vergnügen, wir können nicht die wahre Gestalt der Dinge
erkennen, oder könnten wir es, so ginge vielleicht das Vergnügen der Sinne
darüber verloren - ich gebe also diese Wahrheit auf, denn die Täuschung ist mir
erfreulicher. - Was ich selbst für ein Wesen sei, kann und will ich nicht
untersuchen, meine Existenz ist die einzige Überzeugung, die mir notwendig ist,
und diese kann mir durch nichts genommen werden. - An dies Leben hänge ich alle
meine Freuden und Hoffnungen - jenseits - mag es sein, wie es will, ich mag für
keinen Traum gewisse Güter verloren geben.
                                                          Ihr zärtlicher Freund.
 
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                             Rosa an William Lovell
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Wie sehr haben Sie in Ihrem Briefe aus meinem Herzen gesprochen! - Ach Freund,
wie wenig Menschen verstehen es zu leben, sie ziehen an ihrem Dasein wie an einer
Kette, und zählen mühsam und gähnend die Ringe bis zum letzten. - Wir, William,
wollen an Blumen ziehen und auch noch bei der letzten lächeln und uns von ihrem
Dufte erquicken lassen.
    Mögen die Dinge außer
