 wehmütige Sehnsucht ist es, die mich zu
neuen ungekannten Freuden drängt? - Im vollen Gefühle meines Glücks, auf der
höchsten Stufe meiner Begeisterung ergreift mich kalt und gewaltsam eine
Nüchternheit, eine dunkle Ahndung - wie soll ich es Dir beschreiben? - wie ein
feuchter nüchterner Morgenwind auf der Spitze des Berges nach einer durchwachten
Nacht, wie das Auffahren aus einem schönen Traume in einem engen trüben Zimmer.
- Ehedem glaubt ich, dieses beklemmende Gefühl sei Sehnsucht nach Liebe, Drang
der Seele, sich in Gegenliebe zu verjüngen - aber es ist nicht das, auch neben
Amalien quälte mich diese tyrannische Empfindung, die, wenn sie Herrscherin in
meiner Seele würde, mich in einer ewigen Herzensleerheit von Pol zu Pol jagen
könnte. Ein solches Wesen müsste das elendeste unter Gottes Himmel sein: jede
Freude flieht heimtückisch zurück, indem er danach greift, er steht, wie ein
vom Schicksale verhöhnter Tantalus in der Natur da, wie Ixion wird er in einem
unaufhörlichen martervollen Wirbel herumgejagt: auf einen solchen kann man den
orientalischen Ausdruck anwenden, dass er vom bösen Feinde verfolgt wird. - Man
fühlt sich gewissermaßen in eine solche Lage versetzt, wenn man seiner Phantasie
erlaubt, zu weit auszuschweifen, wenn man alle Regionen der schwärmenden
Begeisterung durchfliegt - wir geraten endlich in ein Gebiet so exzentrischer
Gefühle - indem wir gleichsam an die letzte Grenze alles Empfindbaren gekommen
sind, und die Phantasie sich durch hundertmalige Exaltationen erschöpft hat -
dass die Seele endlich ermüdet zurückfällt: alles umher erscheint uns nun in
einer schalen Trübheit, unsre schönsten Hoffnungen und Wünsche stehen da, von
einem Nebel dunkel und verworren gemacht, wir suchen missvergnügt den Rückweg
nach jenen Extremen, aber die Bahn ist zugefallen, und so befällt uns endlich
jene Leerheit der Seele, jene dumpfe Trägheit, die alle Federn unsers Wesens
lahm macht. Man hüte sich daher vor jener Trunkenheit des Geistes, die uns zu
lange von der Erde entrückt; wir kommen endlich als Fremdlinge wieder herab, die
sich in eine unbekannte Welt versetzt glauben, und die doch die Schwingkraft
verloren haben, sich wieder über die Wolken hinauszuheben. Auch bei den
poetischen Genüssen scheint mir eine gewisse Häuslichkeit notwendig; man muss
nicht verschwenden, um nachher nicht zu darben - sonderbar! dass ich alles dies
vor wenigen Monaten von Mortimer schon hörte und es doch damals nicht glauben
wollte! Seit ich es aber selbst erfunden zu haben glaube, bin ich vollkommen
davon überzeugt. - Ist dies nicht ein ziemlich kleinlicher Eigensinn?
    Doch ich vermeide jetzt jene hohen Spannungen der Einbildungskraft, und sie
sind auch nicht immer die Ursache, die jenes niederschlagende Gefühl in mir
erzeugen, das mich zuweilen wider meinen Willen verfolgt. Keiner, als Du Eduard,
kennt so gut den seltsamen Hang meiner Seele
