 anfangen, und ich lebe der Zuversicht, dass ihr in Zukunft artiger
und bescheidener sein werdet. - Nicht wahr?« - Dann neigen sich alle, und sagen
ein demütiges »Ja«, obgleich einige heimlich unter der Hand lachen, oder nur
etwas in den Bart brummen, was ebensogut »Nein«, als »Ja« heißen kann. Sie
treten in aller Demut ab, und der Verstand fängt an in seinem Grossvaterstuhle zu
überlegen, was er doch eigentlich für ein herrlicher Mann sei, der alles so
hübsch unter dem Pantoffel halte; er macht Entwürfe, wie er künftig immer mehr
seine Herrschaft ausbreiten wolle, dass auch am Ende nicht die kleinste Neigung,
der leiseste Wunsch, ohne seine Einwilligung aus ihren Schlupfwinkeln
hervortreten sollten. Seine großen Plane wiegen ihn nach und nach in einen süßen
Mittagsschlummer, bis ihn ein taubes Gelärme, Getobe, Gekreische, gar unsanft
wieder erwecken. »Was ist denn schon wieder vorgefallen?« fährt er auf. - »Ach!
da hat die verdammte Liebe wieder tausend Streiche gemacht - da hat sich die
Eifersucht den Kopf blutig gestoßen und in drei andre Köpfe gar Löcher
geschlagen - da ist der Zorn mit einem durchgegangen - ach, es lässt sich nicht
erzählen, wie viele Unglücksfälle sich indes ereignet haben.« - Der Verstand
schlägt die Hände über den Kopf zusammen und muss nun mühsam wieder alles ins
Geleise bringen; oft aber legt er, wie ein Regent, der kein Mittel sich zu
helfen sieht, plötzlich die Regierung nieder, entwischt aus seinem eigenen
Lande- und dann ist alles verloren, in einer ewigen Anarchie zerrüttet sich der
Staat selbst. - Der letzte Fall wird hoffentlich nie bei mir eintreten, aber der
erste wahrscheinlich noch oft.
    So hatt ich mir gestern fest vorgenommen, gegen Emilien kälter und
zurückgezogener zu sein, ich hatte mir alle Gründe dazu so dicht vor die Augen
gestellt, dass es mir nicht anders möglich war, sie nicht zu sehen, als gradezu
die Augen zuzudrücken. Ich hatte mir ein ordentliches Schema gemacht, wonach ich
handeln wollte, und mir bestimmt alle Linien vorgezeichnet, um in keinem
Umstande zu fehlen. - Aber mir geht es oft wie einem ungeschickten
Billardspieler, der der Kugel seines Gegners eine ganz andre Richtung gibt, als
er wollte, oder sich gar selber verläuft. Denn kaum hatte ich meinem festen,
unwandelbaren Vorsatze noch die letzte Kraft gegeben, als mir Emilie im Garten,
als geschähe es mir zum Possen, begegnete. - Nun hast du ja die schönste
Gelegenheit, dacht ich bei mir, zu zeigen, wieviel deine Vernunft über dich
vermag, widerstehe der Versuchung wie ein Mann. Ich wich ihr daher nicht aus,
sondern wir gingen unter gleichgültigen Gesprächen
