, in einer steten
Spannung, alle unsre Gespräche drehten sich um die wunderbare Welt, und es
kostete ihm wenig, meine Phantasie zu erhitzen, denn Sie wissen es selbst, in
welchem hohen Grade er die Gabe der Darstellung besaß. Ich konnte den Wunsch in
mir nicht unterdrücken, recht wunderbare Erfahrungen zu machen, und wenn man
diesen Wunsch lebhaft hat, so kommt man in Gefahr, diese seltsamen Erfahrungen
auch wirklich anzutreffen. Die Phantasie ist für jeden Eindruck empfänglicher,
und der Verstand ist bereit, sich unterdrücken zu lassen. Das Schlimmste dabei
aber ist eine gewisse dunkle, gefährliche Eitelkeit, die uns mit der Phantasie
im Bunde leicht für das Gewöhnliche etwas Abenteuerliches unterschiebt, damit
wir nur nicht vergebens hoffen dürfen. So erging es mir in jener Nacht. Andrea
ging zur Stadt zurück, und ich war immer noch voll von den seltsamen Geschichten
und Gedanken, die er mir mitgeteilt hatte, ich verirrte mich, und meine
Bangigkeit nahm mit der Finsternis zu. Endlich traf ich auf jene Menschen. Der
eine, der mich bis ans Tor brachte, hatte ein etwas seltsames Gesicht, allein
erst nachher, als ich Andrea schon wiedergefunden hatte, fiel es mir ein, dass
jener ihm entfernt ähnlich sehe, ja vielleicht dacht ich nur, dass es interessant
wäre, wenn er ihm ähnlich gesehen hätte. So stellte meine Phantasie das Bild
zusammen, und nach einer halben Stunde glaubte ich es selbst, und entsetzte mich
davor. Auf die Art entstand jener Brief, und ich war dabei selbst von allem
überzeugt, was ich niederschrieb. - Die Phantasie hintergeht uns im gewöhnlichen
Leben oft auf eine ähnliche Art, indem sie uns ihre Gedichte für Wahrheit
unterschiebt, am ersten aber dann, wenn wir in einer wunderbaren Spannung leben.
Die Lügen, die wir uns selbst vorsagen, sind ebenso unverzeihlich, als die,
womit wir andre hintergehen.
 
                                       23
                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Wie wahr ist Ihr Brief, und wie schlimm ist's, dass es mit dem Menschen so
bestellt ist, dass er wahr ist! - O wenn ich doch meine verlorenen Jahre von der
Zeit zurückkaufen könnte! Ich sehe jetzt erst ein, was ich bin und was ich sein
könnte. Seit langer Zeit hab ich mich bestrebt, das Fremdartige, Fernliegende zu
meinem Eigentume zu machen, und über dieser Bemühung habe ich mich selbst
verloren. Es war nicht meine Bestimmung, die Menschen kennenzulernen und sie zu
meistern, ich ging über ein Studium zugrunde, das die höheren Geister nur noch
mehr erhebt. Ich hätte mich daran gewöhnen sollen, auch in Torheiten und
Albernheiten das Gute zu finden, nicht scharf zu tadeln und zu verachten,
sondern mich selbst zu bessern.
    War es mir wohl
