 um
Dich besorgt gemacht; ohne zu untersuchen, traust Du jedem Wesen, das Dir nicht
missfällt, alle Deine Gefühle zu, und findest sie auch in fremden Seelen wieder;
aber wenn Du Dich nun in drei Freunden irrst, so wirst Du allen Glauben an
Freundschaft verlieren; den edelsten Menschen kannst Du leicht missverstehn, wenn
jene aufleuchtende Flamme, an welcher Du jetzt den fühlenden Menschen vom kalten,
den Guten vom Unwürdigen unterscheiden willst, zu einer stillen innern Glut
zurückgesunken ist: unbesonnen vertraust Du Dich dem nichtigen Enthusiasmus
eines andern, und findest Dich endlich in einer dunkeln, einsamen Gruft verirrt,
in der Du ängstlich nach der Öffnung tappst. Charaktere wie Du können am
leichtesten um die Freuden ihres Lebens betrogen werden, sie sind Maschinen in
der Hand eines jeden Menschenkenners. - - In meiner Krankheit hab ich mich in
manche Szenen meines Lebens zurückgeträumt: vielleicht schick ich Dir nächstens
kleine Bruchstücke aus meiner Geschichte, vielleicht lernst Du aus Beispielen
mehr, als aus den bloß hingestellten Resultaten meiner teuer erkauften
Erfahrungen. Ich war oft einem allgemeinen Menschenhasse nahe, allenthalben ward
meine Liebe verraten; Menschen, die ich für hohe Seelen gehalten hatte,
eröffneten mir plötzlich einen Blick in ihr Inneres, und ich sah mit Schrecken
elenden, verächtlichen Eigennutz auf demselben Throne sitzen, auf welchem ich
Wohlwollen und Liebe erwartete: ich war schon im Begriffe, an meinem eignen
Werte zu verzweifeln, aber ich rettete noch die Verehrung der Menschheit und die
Achtung meiner selbst. -
    Was mir jetzt noch mehr als meine Krankheit unangenehm wird, ist, dass ich in
einen weitläufigen Prozess mit dem Baron Burton geraten werde. Du weißt, dass
einer meiner Vorfahren die Güter von einem Ahnen Burtons kaufte; er zweifelt
jetzt, dass die Summen ausgezahlt und die Kontrakte vollzogen sind, so wie sie
damals geschlossen wurden; der Prozess ist schon eingeleitet und er wird mir
vielleicht viele Sorge, wenigstens viele Mühe machen. Ich habe schon Advokaten
angenommen, welche behaupten, kein vernünftiger Mensch könne an der
Rechtmässigkeit meiner Sache zweifeln. Es tut mir weh, mich auch noch jetzt von
ihm verfolgt zu sehen, da er einst, in den glücklichsten Tagen meiner Jugend,
mein Freund war; es ist eine traurige Empfindung, wenn ich mit meinem
Gedächtnisse jene Zeiten zurückrufe, und sie mit den gegenwärtigen vergleiche.
Die Aussicht Deiner künftigen, gewiss festen Freundschaft mit Eduard Burton
tröstet mich etwas. Eduard ist ein edler Jüngling, er hängt fest an Dir, ihm
darfst Du Dich ungescheut vertrauen, oder ich kenne auch noch jetzt die Menschen
nicht. -
 
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                           Louise Blainville an Rosa
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Welche Ursache in der Welt kann es geben, dass ich Sie so lange nicht gesehen
habe? Sie fangen ja an, so
