 stillen und
unbeschreiblichen Freude.
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                             William Lovell an Rosa
                                                 Aus den piemontesischen Bergen.
»Ich bin wohl recht der Narr des Schicksals.« Hierhin und dorthin werd ich
gestoßen; wie eine wunderbare Seltenheit gehe ich durch alle Hände. - Ich weiß
noch nicht, wie Sie diesen Brief erhalten werden, aber ich muss mich zerstreuen,
ich muss mich beschäftigen, und darum schreibe ich Ihnen. - Ich bin nun hier in
einer ganz neuen Situation, ich kann nicht fort und möchte doch nicht gerne
bleiben: doch, ich will Ihnen ruhig erzählen, wie ich hiehergekommen bin.
    Ich reiste mit meinem neuerworbenen Gelde von Chambery aus; mein Herz war
ziemlich leicht, mein Gemüt zuweilen heiter gestimmt, die ganze Welt kam mir vor
wie eine große Räuberhöhle, in der alles gemeinschaftliches Gut ist, und wo
jedermann so viel an sich reißt, als er bekommen kann; kaum besitzt er es, so
wird es ihm von neuem entrissen, um auch dem neuen Eroberer nicht zum Genuße zu
dienen. Ich vergab Burton, ich vergab mir selbst, denn jedermann tut nur, was er
vermöge seiner Bestimmung tun muss; wir sind von Natur eigennützig, und durch
diese Einrichtung der Natur Räuber, die sich dessen, wonach sie gelüstet, mit
Gewalt oder mit Schlauheit zu bemächtigen suchen. Dies ist der Grundsatz der
Politik im Großen und Kleinen, es gibt keine andre Philosophie wie diese, und es
kann keine andre geben, denn jedes System nähert sich dieser Klugheit mehr oder
weniger, sie ist mehr oder weniger darin versteckt, alle Spitzfindigkeiten des
Verstandes ruhen am Ende auf dem Egoismus. Warum sollen wir also nicht gleich
lieber den einfachen Satz annehmen, vor dem jedermann zurückzuschrecken
affektiert, und an den doch jeder glaubt?
    Ich bin seit kurzer Zeit mehr mit mir einig geworden, das heißt eigentlich,
ich betrachte die Ideen kälter, die ich bis jetzt nur ahndete, und deren dunkles
Vorgefühl mich in eine Art von Erschütterung setzte. Ich habe jene Gutmütigkeit
abgelegt, die mich vor andern oft so lächerlich und mich selbst so unruhig
machte. Ich ertrug sonst die Affektation der Menschen mit einer unglaublichen
Geduld. Stundenlang konnte ich einem zuhören, der sich für einen unglücklichen
oder verfolgten Tugendhaften hielt, ohne eine Miene zu verziehen. Welche
Unverschämtheit besitzen diese Menschen, alle ihre Lehrsätze, alle ihre niedrige
Heuchelei einem Wesen vorzutragen, das vor ihnen steht und an dem sie doch einen
Kopf gewahr werden! Kann man sie besser bestrafen, als wenn man ihnen zeigt, wie
sehr man sie verachtet, wenn man sie dadurch bewegt, sich selbst auf eine Stunde
zu verachten? Ich tat es jetzt, und ward in der ganzen Welt als ein Boshafter
verschrieen: jene jämmerlichen Wesen sprachen mir das
