
mich, Freund, und ohne Zögern, ich beschwöre Sie! Sie haben von meiner
Verlegenheit keinen Begriff. Jene Summen, die wir ehedem der armseligen Bianca
und Laura gaben, wären jetzt große Schätze für mich; ich beneide manchem Bettler
das, was ich ihm in bessern Zeiten gab, ich habe noch nie eine solche Ehrfurcht
vor dem Gelde empfunden. - Denken Sie sich das hinzu, was Ihnen ein Freund sagen
könnte, um Sie zu bewegen: - doch, ich vergesse, mit wem ich spreche; ich weiß
ja, dass ich zu Rosa rede, alle meine Besorgnisse sind unnütz; die gemeinen
Menschen leben nur hier. - Es reut mich jetzt lebhaft, dass ich nicht schon
früher abgereist bin, allein bin ich darum um so besser dran? - Leben Sie wohl,
ich sehe mit Sehnsucht einer Antwort entgegen.
 
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                             Rosa an William Lovell
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Ihre Briefe, lieber William, haben die lebhafteste Teilnahme bei mir erregt. Ich
halte es für den betrübtesten Anblick, wenn ein Freund, der unser Herz so nahe
angeht, sich und seine Vorsätze so sehr aus den Augen verliert. Ihre Briefe sind
alle ein Beweis eines gewissen zerrütteten Zustandes, der Sie verhindert, sich
selbst in Ihrer Gewalt zu haben. Mit Freuden würde ich Sie aus Ihrer
unangenehmen Lage ziehen, wenn es auf irgendeine Art in meiner Gewalt stände,
aber ich weiß nicht, ob Sie es nie bemerkt haben, als Sie hier waren, (wenn es
nicht ist, so muss ich es Ihnen jetzt offenherzig gestehen) dass ich in der
allergrössten Abhängigkeit von Andrea lebe. Er sucht mich selbst immer in einer
gewissen Verlegenheit zu erhalten, aus Ursachen, die ich freilich nicht
begreifen kann. Er ist eigensinnig, sosehr er mir auch meistenteils gewogen
scheint, und ich darf nicht leicht irgend etwas Wichtiges, oder nur Auffallendes
gegen seine Einwilligung tun. Ich habe ihn seit lange nicht gesehen, sosehr ich
ihn auch seit einiger Zeit aufgesucht habe; es war mir daher unmöglich, ihm Ihre
Lage zu entdecken, und ich kann mich auch nicht verbürgen, ob er etwas oder viel
für Sie zu tun imstande wäre, da ich ihm schon zur Last falle, da er Sie immer
für reich gehalten hat, und da es vielleicht der Fall ist, dass Sie seine
Aufträge nicht auf die glücklichste Art ausgerichtet haben. Doch wie ich Ihnen
sage, alles dies kann ich nicht beurteilen, und ich hoffe, dass er sich ganz zu
Ihrem Besten erklären wird, sobald ich ihn spreche.
    Mich wundert nur, und es ist mir unbegreiflich, wie Sie so gänzlich
unvorsichtig handeln konnten. Die Art Ihrer Verschwendung scheint Sie gar nicht
belustigt zu haben, und dennoch konnten Sie diesem Hange nicht
