 alle, unterzugehn.
    Nein, das Leben kann nicht das Letzte und Höchste sein, da wir so oft das
Leere und Unzusammenhängende darin empfinden. Jedesmal, wenn wir ernstaft
werden, ohne zu wissen warum, erinnern wir uns vielleicht dunkel eines besseren
ehemaligen Zustandes. Dem Schwärmer ist es vielleicht gegönnt, diese flüchtigen
Erinnerungen festzuhalten, und er entfernt sich daher mit jedem Tage mehr vom
gewöhnlichen Leben.
    Auf diesem Wege könnte man aber auf eine recht vernünftige Art verrückt
werden, und dieser Zustand mag nun in sich selbst so vortrefflich sein, als er
will, so sieht er doch in der Entfernung zu abschreckend aus, als dass ich ihm
sollte näherkommen wollen.
 
                                       10
                                Adriano an Rosa
                                                                        Florenz.
Sie irren, Rosa, wenn Sie vielleicht glaubten, dass Ihre Spötterei mich
aufbringen würde, noch mehr aber, wenn Sie der Meinung waren, mich dadurch zu
überzeugen. Ich mag und kann Ihnen hier meine Gründe nicht weitläuftig
auseinandersetzen, warum ich jetzt noch nicht nach Rom zurückkehren werde. Ich
wünschte durch mein ganzes Leben einen geraden Weg vor mir zu haben, den ich
übersehn kann, von dem ich weiß, wohin er mich führt. Ich mag lieber nicht weit
kommen, als mich aufs Ungewisse einem unbekannten Fusssteige vertrauen.
    Das Gleichnis wird Ihnen vielleicht lächerlich dünken - aber mag's! Es ist
vielleicht notwendig, dass manche Menschen uns verachten, damit uns andre wieder
schätzen. - Ich besitze freilich nicht jene Fähigkeit, jede Meinung sogleich zu
verstehen und in ihr zu Hause zu sein, ich bin ungelenk genug, manches für Unsinn
zu halten, weil ich es nicht begreifen kann, aber verzeihen Sie mir meine
Schwäche so wie ich Ihre Größe bewundre. - Ich spotte jetzt nicht, Rosa, sondern
es ist mein völliger Ernst; ich habe über mich selbst nachgedacht und gefunden,
dass alle meine Schwächen mit meinen bessern Seiten zusammenhängen, wie es
vielleicht bei jedem Menschen ist: die gewaltsamen Änderungen sind auf jeden
Fall immer ein sehr missliches Unternehmen, es gibt keine so geschickte Hand, die
mit dem Unkraute nicht zugleich die guten Pflanzen ausraufte. Lassen Sie mich
darum lieber so, wie ich bin, Sie mochten mich sonst ganz verderben.
    Auch dass ich dies fürchte, ist eins von den Vorurteilen, die Sie verlachen.
Aber, lieber Freund, entkleiden Sie den Menschen von allen Vorurteilen, und sehen
Sie dann, was Ihnen übrigbleibt. Die Sucht, ganz als freier Mensch zu handeln,
führt am Ende wieder den schlimmsten Vorurteilen, oder dem Wahnsinne entgegen.
Ich will lieber manches glauben, um nur mit mir selbst zur Ruhe zu kommen. Sagen
Sie mir aufrichtig, ob es auf Ihrem Wege möglich ist?
    Doch lassen Sie mich lieber die ganze Untersuchung abbrechen
