 das Sterben ein Erwachen vom Leben ist, so war sie schon
vor dem Tode auf eine ähnliche Art erwacht, das beweiset ihr letzter Brief. Sie
muss es innig gefühlt haben, dass sie nur geträumt und nicht gelebt habe; wie muss
sie erschrocken gewesen sein, als sie sich beim Erwachen an einem so fernen und
fremden Orte wiederfand?
    Ach Emilie! Dein Name tönt in meinen Ohren so süß, meine ganze Kindheit
liegt in dem Laute. - Ich schwärme oft und bilde mir ein, dass sie mich hört, dass
sie es sieht, wenn ich ihre Papiere küsse und mit meinen Tränen benetze. - Ich
habe aus dem Gedächtnis ihr Bildnis gezeichnet, und es ist, nach meiner Meinung,
sehr ähnlich; bei jedem Zuge, der mir gelang, entstürzten Tränenströme meinen
Augen, es war als wenn sie selbst plötzlich wieder aus dem Papiere hervorbrechen
würde, und mir sagen, alles, alles sei nur eine unnütze Angst gewesen, dass sie
mir dann, wie in der Kindheit, den Kopf herumdrehen würde, und ich über den
grausamen Schelmstreich lachen müsste.
    Was mich in meinen Schmerzen am meisten niederschlug, war, dass die Natur und
alle Gegenstände umher so kalt und empfindungslos schienen. In mir selbst war
der Mittelpunkt aller Empfindungen, und je mehr ich aus mir hinausging, je
weiter lagen die Empfindungen auseinander, die in meinem Herzen dicht
nebeneinander wohnten. - Aus dieser Ursache fühlt sich der Unglückliche in der
Welt unter allen Geschöpfen so fremd, denn man nimmt auf seinen Schmerz nie
Rücksicht genug, man achtet ihn nie so, wie er es wünscht. - Die Menschen, die
mich umgaben, trockneten bald ihre Augen, andre hatten nie geweint, noch
entferntere Emilien nie gekannt. - Ich schalt auf alle und war ungerecht. Dieses
mannigfaltige und widersprechende Interesse der großen Menschheit sollte uns im
Gegenteile im Unglücke trösten.
 
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                           Mortimer an Eduard Burton
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Es ist im Leben nicht anders, es wechselt alles wie Sonne und Mond, wie Licht
und Finsternis. Hoffnung und Furcht ist die Lebenskraft, die unser Herz in
Bewegung erhält und in jedem Moment der Leidenschaft sollten wir schon auf diese
Abwechslung rechnen. Das Leben ist nichts weiter, als ein ewiges Lavieren
zwischen Klippen und Sandbänken, die Freude verdirbt unser Herz ebensosehr als
die Qual, und eine feste Ruhe und gleichförmige Heiterkeit ist unmöglich.
Unglück macht menschenfeindlich, misstrauisch, verschlossen, der Mensch wird
dadurch ein finstrer Egoist, und indem er auf alles resigniert, hat er den Stolz
sich selbst zu genügen. Das Glück ist die Mutter der Eitelkeit, selbst der
Vernünftigste wird sich im stillen für wichtiger halten, als er ist; Eitelkeit
und Selbstsucht lassen den Menschen vielleicht nie ganz los, im
