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                             William Lovell an Rosa
                                                                          Paris.
Ich bin auf der Rückreise nach Italien, ich schreibe Ihnen diesen Brief aus
Paris. - Hier befinde ich mich besser, als auf der Reise hieher; wenn man die
Menschen in einem dicht gedrängten Gewühle sieht, so sind sie weit erträglicher.
Man sieht sie dann so einzeln und abgerissen, und jede Armseligkeit an ihnen
erscheint dann vergrößert. Wie sie alles nur auf sich, einzig auf sich beziehn!
Wie der armseligste Bauer meint, dass man ihm sein Haus und seinen wüsten Garten
beneide - wie jeder von der Narrheit und von den Schwächen des andern spricht,
ihn mustert und sich so unendlich über ihn erhaben fühlt! - Wie keiner daran
denkt, dass er einst mit den Würmern und den wilden Blumen des Kirchhofs verwandt
werden wird - ach! wie sie den ekelhaften Körper, jeglicher auf seine eigene
Art, ausputzen und verherrlichen! -
    Hier in den betäubenden Zirkeln, in denen sich alle Maschinen auf die
lebendigste Weise bewegen, und jeder den andern durch witzige Einfälle, oder
durch Reichtum, oder Glück, oder Schönheit verdrängt, hier in diesen bunten
abwechselnden Szenen ist mir um vieles besser. Man rührt sich mit unter den
beweglichen Puppen, man lacht, trinkt und spielt, und vergisst dabei, dass man ein
Mensch ist; eben je mehr man unter ihnen ist, je mehr vergisst man, dass man zu
ihnen gehört.
    Ich spiele viel und ich habe bei weitem nicht so viel Glück, als in England.
- Tadeln Sie mich nicht, denn ist nicht alles, was wir Genuss der Seele nennen,
etwas, das darauf hinausläuft? Ob ich mit Worten oder Karten, Definitionen,
Würfeln oder Versen spiele, gilt das nicht alles gleich? - An die Karten und
ihre wunderbaren, unerwarteten Abwechselungen kann man alle Empfindungen
knüpfen; das Glück steigt und fällt, wie Ebbe und Flut, mit jedem Spiele beginnt
ein neues Schicksal und unser Inneres bewegt sich harmonisch mit den
Abwechselungen der bunten Bilder. Die Seele interessiert sich für diese
gefärbten Zeichen und wird vertraut mit ihnen, und das Leben bleibt in einem
unaufhörlichen munteren Schwunge, die Leidenschaften sinken nie unter, Freude und
Schreck wechseln und jagen immer schneller und schneller das Blut durch die
Adern - was kommt gegen diese Empfindungen das unbeholfene Geld in Rechnung?
Jeder Mensch braucht eine Erschütterung; der eine sucht sie im Theater, der
andere in irgendeinem Steckenpferde, dem er sich mit der innigsten Liebe
hingibt; ein andrer macht Plane, ein vierter ist verliebt - das Spiel ersetzt
mir alles, es entfernt mich vom Bewusstsein meiner selbst und taucht mich in
dunkle Gefühle und wunderbare Träumereien unter. Es ist oft, als käme man dem
eigensinnigen Gange des Zufalls auf die
