 und richtig zu schätzen. Andrea nahm mir Vorurteile und Irrtümer; ich
hatte vieles bis dahin angenommen, ohne je darüber gedacht zu haben, meine
eigene Seele war mir gleichsam fremd geblieben, ich hatte das große Feld des
Denkens nicht gekannt, und auch keine Sehnsucht nach dieser Bekanntschaft
gefühlt. Andrea lehrte mich die große Kunst, alles auf mich selbst zu beziehn
und so die ganze Natur meinem Innern näherzurücken. Wie hab ich diesen Mann
damals verehrt! mit welcher Liebe habe ich in der ersten Zeit an ihm gehangen!
    Nicht, dass ich ihn nicht noch jetzt achtete, aber meine ehemalige Liebe hat
er verloren. Er hat oft über mich gespottet, dass ich mit meinem Verstande immer
nur gradeaus will, und alle Gedanken rechts und links am Wege liegenlasse, er
hat mir immer eine gewisse Einfalt zugesprochen, und ich weiß, dass mich sein
Scherz nie erbittert hat, denn er hatte vollkommen recht: es fehlt meinem Geiste
jene Fähigkeit gänzlich, durch das ganze Gebiet verwandter Gedanken zu streifen,
eine Überzeugung zu finden, und gegenüber den Zweifel dazu zu suchen, alle
Kombinationen zu ahnden und sie dann mit dem Scharfsinne wirklich zu entdecken,
mit den Analogien zu spielen, und die entfernteste kühn mit der ersten zu
verbinden; mein Blick ist beschränkt, die Natur hat mir wie einem Zugpferde die
Augen zu beiden Seiten bedeckt, und ich kann immer nur die gebahnte Straße vor
mir sehen. Dränge mein Blick in die ungeheuren Abgründe der Zweifelsucht, die
neben meinem Wege liegen, und sähe er seitwärts die unübersteiglichen Gebirge,
so würde ich vielleicht scheu werden, und mein wilder Geist über unebene Wege
mit mir davonrennen, um sich in die Abgründe zu stürzen.
    Ich fand daher die Zweifelsucht, als die erste Veranlassung des Denkens sehr
ehrwürdig, aber ich erschrak vor dem Gedanken immer nur zweifeln zu können,
keine Wahrheit, keine Überzeugung aus dem großen Chaos der kämpfenden Gedanken
zu erringen. Wenn der Geist zweifeln muss und sich auf dieses Bedürfnis die wahre
Verehrung des Skeptizismus gründet, so verlangt eben dieser Geist auch endlich
einen Ruhepunkt, eine Überzeugung, und ich kann also darauf auch die
Notwendigkeit der Überzeugungen gründen.
    Sollten wir denn auch die trostvolle Aussicht haben, unser Leben hindurch zu
denken, Gedanken gegen Gedanken und Zweifel gegen Zweifel unaufhörlich
abzuwägen, indes die Waage ewig in einem ermüdenden Gleichgewichte steht? Sollte
unser Geist nur immer die Reihe von Gedanken wie bunte Bilder mustern, ohne sich
selbst in einem einzigen zu erkennen?
    Als die Zeit vorüber war, in der mich meine Eitelkeit vorzüglich an Andrea
knüpfte, glaubte ich doch in ihm selbst eine gewisse Unvollendung zu entdecken,
die Sucht, mehr durch seine Gedanken zu glänzen und zu erschrecken, als die
Wahrheit und das letzte Bedürfnis
