 ich hatte Amalien nicht vergessen, ich log es nur
mir und andern, und Mortimer, der meine Liebe gegen sie so tief verachtete,
hätte sie mir nicht entreißen sollen! - O und was ist es denn mehr? Würde ich
ihrer nicht ebenso wie Emiliens überdrüssig werden? - Doch nein, denn diese habe
ich nie geliebt.
    Es ist eine sehr hässliche Aufwärterin im Hause, diese will ich zu sprechen
suchen; es müsste sonderbar kommen, wenn ich sie nicht auf meine Seite brächte.
Wenn ich erst die genauern Umstände weiß; so lässt sich auf diese vielleicht ein
kluger Plan gründen.
    Ob Amalie auch zu den Weibern gehört, von denen ich vorher sprach? Ich habe
sie damals zu sehr geliebt, um sie zu beobachten und damals hasst und liebt ich
die Menschen überhaupt noch, ohne sie vorher zu kennen. Jeder Mensch hat eine
Periode im Leben, in der Liebe und Freundschaft mit der Selbstliebe
zusammenfallen; von beiden weiß er sich dann keine Gründe anzugeben.
    Leben Sie wohl und grüßen Sie Andrea. -
 
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                             William Lovell an Rosa
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Es gibt Stunden im Leben, Rosa, in denen Zufälle zusammentreten, so kindisch
wunderbar aneinandergereiht, dass wir die Welt umher auf einzelne Augenblicke für
ein Hirngespinst halten müssen. Ich bin noch immer in dieser Stimmung, wenn ich
an alles zurückdenke; es kommt mir oft in der Welt nichts so seltsam vor, als
dass irgendein Zufall mit einem früheren zusammenhängt, so dass wir oft wirklich
auf die Idee von dem geführt werden, was die Menschen gewöhnlich Schicksal
nennen.
    Ich habe nämlich in jener hässlichen Aufwärterin, von der ich Ihnen sagte,
eine alte Bekannte wiedergefunden. Ich suchte sie auf, und wir waren bald
miteinander vertraut, sie nannte meinen wahren Namen, und ich erschrak. Es war,
als wenn ein böser Genius aus ihr sprach, der mich nun meinen Feinden verraten
würde. Ich betrachtete sie genauer, und konnte mich doch durchaus nicht
erinnern, sie irgendwo gesehen zu haben. - Endlich entdeckte sie sich mir, und o
Himmel! - es war niemand anders, als die Komtesse Blainville!
    Lange wollte ich es nicht glauben. Die Blainville, jenes junge, lebhafte,
reizende Weib - und hier stand ein Ungeheuer vor mir, von Pockengruben
entstellt, einäugig, mit allen möglichen Widrigkeiten reichlich ausgestattet -
und dennoch war sie es, selbst unter der groben Hülle lagen einige ihrer
ehemaligen Züge, wie fern, verborgen.
    Ihre Geschichte kann ich Ihnen mit wenigen Worten sagen. Der Graf Melun
starb bald, nachdem er sie geheiratet hatte, sie ließ sich durch ihren
Liebhaber, den Chevalier Valois, zu jeder Verschwendung verleiten; sie verließ
mit ihm Paris und ging nach England, ihr Vermögen
