 könnte, würden wir mit diesen körperlichen Augen etwas
wahrnehmen? Ist der Mensch nicht zur Täuschung mit seinen Sinnen geschaffen -
wie ist es möglich, dass sie jemals aufhöre? - Ich liebe den Regenbogen, wenn man
mir gleich beweist, dass er nur in meinem Auge existiere - ist mein Auge nicht
ein wirkliches Wesen und darum für mich auch die Erscheinung wirklich? - Ich
hasse die Menschen, die mit ihrer nachgemachten kleinen Sonne in jede trauliche
Dämmerung hineinleuchten und die lieblichen Schattenphantome verjagen, die so
sicher unter der gewölbten Laube wohnten. In unserm Zeitalter ist eine Art von
Tag geworden, aber die romantische Nacht- und Morgenbeleuchtung war schöner, als
dieses graue Licht des wolkigen Himmels; den Durchbruch der Sonne und das reine
Äterblau müssen wir erst von der Zukunft erwarten. -
    Wie mich alles hier anekelt! - Man spricht und schwatzt ganze Tage, ohne
auch nur ein einzigmal zu sagen, was man denkt; man geht ins Konzert, ohne die
Absicht zu haben, Musik zu hören; man umarmt und küsst sich, und wünscht diese
Küsse vergiftet. Es ist eine Welt voller Schauspieler und wo man überdies noch
die meisten Rollen armselig darstellen sieht, wo man die fremdartigen
Maschinerien der Eitelkeit, Nachahmungssucht oder des Neides so deutlich
durchblicken lässt, dass bei manchen keine Täuschung möglich ist. -
    Ich bin aus Langeweile einige Male ins Theater gegangen. Tragödien voller
Epigrammen, ohne Handlung und Empfindung, Tiraden, die mir gerade so vorkommen,
wie auf alten Gemälden Worte den Personen aus dem Munde gehen, um sich deutlich
zu machen - diese hertragiert, auf eine Art, dass man oft in Versuchung kommt, zu
lachen; je mehr sich der Schauspieler von der Natur entfernt, je mehr wird er
für einen großen Künstler gehalten, Könige und Königinnen, Helden und Liebhaber
sind mir noch nie in einem so armseligen Lichte erschienen, als auf der Pariser
Bühne - kein Herz wird gerührt, keine Empfindung angeschlagen, genug, man hört
Reime klingeln, und der Vorhang sagt einem am Ende doch, dass nun das Stück
geschlossen sei, und so hat man, ohne zu wissen wie, ein chef d'oeuvre des
größten tragischen Genies gesehen. - Oh, Sophokles! und göttlicher Shakespeare! -
Wenn man den Busen mit euren Empfindungen gefüllt, von eurem Geiste angeweht
diese Marionettenschauspiele betrachtet!
    Und dann die frostigen, langweiligen Lustspiele! wo ein sogenannter witziger
Einfall das ganze Parterre wie mit einem elektrischen Schlage trifft, wo nicht
Menschen, sondern ausgehöhlte Bilder auftreten, in welche sich der Dichter mit
seinem Witze verkriecht! - Ein schales, leeres Wortgeschwätz, alles ein Wesen,
alles eine wiederkehrende, alltägliche Idee; doch ist für diese Possen das
Schellengeklingel ihrer Reime etwas angemessener.
