 hat im vorigen Jahre einen
gewissen Grafen Blainville geheiratet, der seit einigen Monaten gestorben ist;
sie hat als Witwe das Ansehen des liebenswürdigsten Mädchens, und sie würde noch
gefährlicher sein, wenn sich die Kokette in ihr nicht bald verriete. Der alte
Graf ist noch ganz der Mann, der er ehedem war, er gehört zu denen Leuten, die,
wenn sie sich ändern sollen, notwendig verlieren müssen, das heißt: sie sind auf
einen gewissen Punkt der Ausbildung gekommen, über den sie ihre ganze Lebenszeit
hindurch nicht wegschreiten, sie sind mit ihrem Verstande und allen ihren
Begriffen glücklich in den Hafen eingelaufen und wagen nun um alles keine zweite
Fahrt. Sein Haus ist noch immer so angenehm, wie vormals, er versammelt gern
witzige Köpfe, schöne Geister, Gelehrte und Politiker um sich her: aus mehreren
Strahlen wird doch endlich ein Schein, und dadurch würde ihn mancher von unsern
Doktoren auf ein ganzes Vierteljahr für einen sehr gescheiten Mann halten. Dort
hab ich auch einen Italiener, Rosa, kennen lernen, dessen genauere Bekanntschaft
ich suchen werde. Ich habe noch wenige so feine Gesichter gesehen, in welchem mir
vorzüglich die sprechenden Lippen auffallen, die sich ebenso willig in das
freundlichste Lächeln, wie in die Falten des bittersten Spotts legen - ich habe
nur noch wenig mit ihm gesprochen, aber alles, was er sagte, hat mich zu ihm
gezogen; ohne es zu wollen, hat er meine Aufmerksamkeit ganz auf sich geheftet.
Er ist kein Entusiast, aber auch kein kalter, verschlossener Mensch, er ist
sehr empfindlich für das Schöne, ohne zum Deklamator zu werden. Es freut mich,
dass er sich an William schließt, von solchen Menschen kann dieser viel lernen,
wenn er erst den geheimen Hass abgelegt hat, den er gegen Wesen fühlt, die ihm
überlegen sind.
    Wir sind mit einem jungen, aufbrausenden, sonderbaren Deutschen bekannt
geworden, dem sich William ganz und gar hingibt; er heißt Balder und ist auch
nur seit kurzem in Paris. Zwei harmonierendere Töne können nicht so leicht
ineinanderschmelzen, als diese beiden Seelen: beide sind Entusiasten, beide
poetisch gestimmt, beide begegnen sich mit gleicher Liebe. - Ich mag noch jetzt
nichts davon merken lassen, dass eine solche Freundschaft, von zweien so ganz
gleichgestimmten Wesen geschlossen, sich selbst bald aufzehren muss: es ist ein
schnelles aufloderndes Feuer, das aber keine Hitze hat und ohne Dauer ist, denn
wo man nicht fremde Fehler und fremde Vorzüge entdeckt, kann man nicht verehren
und nicht lieben. - Aber William würde mir doch davon nichts glauben und darum
schweig ich lieber, und wenn er selbst mit der Zeit diese Erfahrung macht, so
bietet er gewiss seinem eigenen Gefühle Trotz, um sich diese unvermutete
