 Sie haben sich in den Kopf gesetzt, dass in ihrer Wahrheitssagerei ihr
Charakter bestehet, und sie sagen daher von sich und andern Leuten eine Menge
Sachen, die sie wirklich nicht denken, sie wollen sich nur auf diese Art
auszeichnen, und sich freiwillig verhasst machen. Sie sehen nicht ein, dass unsere
ganze Sprache schon für die Begriffe und Dinge, die sie bezeichnen soll, äußerst
unpassend ist, dass schon diese die Unwahrheit sagt, und dass es daher unsere
Pflicht ist, ihr nachzuhelfen.
    Der Grund von allen unsern Künsten, von allen unsern Vergnügungen, von
allem, was wir denken und träumen - was ist er anders als Unwahrheit? - Plane
und Entwürfe, Tragödien und Lustspiele, Liebe und Hass, alles, alles ist nur eine
Täuschung, die wir in uns selber erzeugen; unsere Sinne und unsere Phantasie
hintergehen uns, unsere Vernunft muss daher falsche Schlüsse machen; alle Bücher,
die geschrieben sind, sind nur Lügen, wovon die letzteren die ersteren in ihrer
Blöße darstellen sollen; und doch soll ich den kleinen Teil meines Körpers, die
Zunge, der Wahrheit widmen? Und wenn ich es wollte, wie kann ich es?
                                                               Ein Jahr nachher.
Mein Vater ist gestorben, und die ganze Welt wünscht mir Glück, mit Worten, die
wie Kondolenzen gestellt sind. Viele suchen sich mir zu empfehlen, und manche
darunter meine schwache Seite ausfindig zu machen. Die Menschen, die meinem
Vater viel zu danken haben, ziehen sich ganz zurück, und tun, als wenn er nie
auf der Erde gewesen wäre. Alle Weiber, die mich als Kind manchmal auf ihren
Schoss genommen haben, präsentieren mir ihre Töchter, die sich mit allen Reizen
aussteuern. Die Bedienten haben Pensionen und sind froh, selbst der Verwalter,
dem etwas an seinem Gehalte zugelegt ist. - Wo sind denn nun die Menschen, die
so viel fühlen wollten? Wer kann denn nun noch mit seinen Empfindungen prahlen?
- Ein Bettler geht unten vorbei, den ich weinen sehe, weil mein Vater ihm
wöchentlich etwas gab. Er weint, weil er fürchtet, dass er jetzt sein Einkommen
einbüßen wird. - - Ich habe ihm etwas heruntergeschickt, und er geht mit einem
frohen Gesichte fort; er weinte vielleicht bloß, um mein Mitleiden zu erregen.
    Die Menschen sind gewiss nicht wert, dass man sie achtet, aber doch muss man
sich die Mühe geben, mit ihnen zu leben. Ich will sie kennenlernen, um nicht von
ihnen betrogen zu werden, denn wie kann ich dafür stehen, dass nicht irgendeinmal
meine Eitelkeit, oder eine andre meiner Schwächen meine Vernunft verblendet?
    Alles schmeichelt mir jetzt, selbst die Menschen, von denen ich weiß, dass
sie mich nicht leiden
