, was
wir jetzt als unser Wesen betrachten, bis wir uns unserm eigentlichen Selbst
immer mehr nähern, je mehr wir unser jetziges Selbst aus den Augen verlieren. -
Wenn ich manchmal in der Abenddämmerung sitze und sinne, da ist es manchmal, als
schwingt sich mir etwas im Herzen empor, ein Gefühl, das mich überrascht und
erschreckt und dabei doch so still und selig befriedigt: ich greife dann mit dem
Gedächtnis, wie mit einer Hand danach, um es mir selber aufzubewahren. Aber
sonderbar, Rosa, es ist in mir, und verschwindet mir dann doch gänzlich wieder,
so dass ich seiner nicht habhaft werden kann. Alle meine Gedanken stehen mir zu
Gebot, alle meine Erinnerungen und Anschauungen, aber dies ist ein Gefühl, das
feiner und geistiger ist, als alles übrige; aber was ist es, und woher kommt es
und wohin geht es wenn es nicht mehr in mir bleibt? - Sollten diese Zustände
vielleicht ebenso in uns sein, wie das Sonnenlicht in einer gläsernen Flasche,
das kommt und geht, so wie die Wolken ziehen?
    Wie mag es überhaupt wohl um unsre Willkür stehen? Wer weiß, was es ist, was
uns regelt und regiert, welcher Geist, der außer uns wohnt, und nur allmächtig
und unwiderstehlich in uns hineingreift. Aus meinen Kinderjahren fallen mir
manche Tage ein, wo ich unaufhörlich etwas Greuliches und Entsetzliches denken
musste, wo ich statt meinem stillen Gebete Gott mit den grässlichsten Flüchen
lästerte und darüber weinte, und es doch nicht unterlassen konnte, wo es mich
unwiderstehlich drängte, meine Gespielen zu ermorden, und ich mich oft schlafen
legte, bloß um es nicht zu tun - nun Rosa, damals war ich gewiss unschuldig und
unverdorben, und doch war diese Entsetzlichkeit in mir einheimisch - was war es
denn nun, das mich trieb, und mit grässlicher Hand in meinem Herzen wühlte? -
Mein Wille und meine Empfindung sträubten sich dagegen, und doch gewährte mir
dieser Zustand wieder innige Wollust. -
    O wir sollten überhaupt zu unsern Kinderjahren in die Schule gehen, und das
lernen, was wir so gern verlernen, und es dann mit nichtiger Eitelkeit die
Ausbildung unserer Seele nennen. Es ist, als wenn noch ein flüchtiger Schein
einer früheren Existenz in die zarten Kinderjahre hineinspiegelte, wie der
Widerschein eines Glanzes, bedeutend und doch rätselhaft; wie Töne klingt es
herüber, durch die der Wind fährt, die einzeln schallen, und in denen man doch
Zusammenhang wahrnimmt.
    Als Kind träumt ich einst, die ganze Welt ginge unter, und aus allen den
ungeheuren Massen schmolzen einzelne Töne heraus, die sich nun durch den leeren
Raum spielend bewegten und umeinandergaukelten, und sich verschlangen, und bunt
durcheinanderwühlten. Bald versank der helle Ton
