 den tausend belebten Gegenständen wie mit
einem gewaltigen Entsetzen ergreifen kann; dann streift der Geist der Natur
unserm Geiste vorüber, und rührt ihn mit seltsamen Gefühlen an, die wankenden
Bäume sprechen in verständlichen Tönen zu uns, und es ist als wollte sich das
ganze Gemälde plötzlich zusammenrollen, und das Wesen unverkleidet hervortreten
und sich zeigen, das unter der Masse liegt und sie belebt; wir wagen es nicht
den großen Moment abzuwarten, sondern entfliehn ohne hinter uns zu sehen, und
halten uns an einer von den tausend Kindereien fest, die uns in den gewöhnlichen
Stunden interessieren. - Oft ist mir jetzt, als wollte das Gewand der
Gegenstände entfliehen wie von einem Sturmwinde ergriffen und ohnmächtig fällt
mein Geist zu Boden, und die Gewöhnlichkeit kehrt an ihre Stelle zurück. In uns
selber sind wir gefangen und mit Ketten zurückgehalten; der Tod zerreißt
vielleicht die Fesseln, und die Seele des Menschen wird geboren. -
    Aber sagen Sie mir, Rosa, warum mir sonst diese Gedanken fernblieben, ob sie
gleich in mir lagen? Warum ich Balders Worte damals nicht verstand, ob sie ihm
gleich im stillen mein Geist nachsprach, so wie er sie schon lange vor ihm so
gesprochen hatte? Warum sind wir uns selbst oft so fremd, und das Nächste in uns
so fern? Wir sehen oft in uns hinein, wie durch ein künstlich verkleinerndes
Glas, das die Hand, die ich mir vorhalte, tausendmal kleiner macht, und wie auf
hundert Fuß von mir entrückt. -
 
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                             Rosa an William Lovell
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Ich kann Ihre Frage nicht so beantworten, lieber Freund, dass Sie mit meiner
Antwort zufrieden sein werden. Die Gedanken und Empfindungen drehen sich im
Menschen wie zwei Zirkel herum, die sich in einem Punkte berühren, an diesem
wissen wir nicht zu unterscheiden, was Idee und Gefühl ist, und wir halten uns
dann für vollendet. Die Zirkel drehn sich weiter, und wir glauben uns dann
wieder verständiger, weil wir beides zu sondern wissen. Der Mensch ist sich
selbst so rätselhaft, dass er entweder gar nicht über sich nachdenken, oder aus
diesem Nachdenken sein Hauptstudium machen muss: wer in der Mitte stehenbleibt,
fühlt sich unbefriedigt und unglücklich. - Ich sinne oft dem Gange meiner Ideen
nach, und verwickele mich nur um so tiefer in diese Labyrinthe, je mehr ich
nachsinne. So viel ist gewiss, dass wir gewöhnlich viel zu sehr den gegenwärtigen
Moment vor Augen haben, und darüber unser ganzes voriges Leben außer acht
lassen; die gegenwärtige Empfindung verschlingt alle früheren, und die jetzige
Idee macht, dass uns alle vorhergehenden nicht mehr als Ideen, sondern als
kindische ungeschickt entworfene Skizzen erscheinen. Daher leugnen wir uns so
oft unsre innerste Überzeugung ab; und so wie der
