 vor dieser
Selbsttäuschung gesichert, dass wir unsere Empfindungen in andre übertragen, und
so uns nur selbst aus ihnen herauslesen? - Ich lege Ihnen Lovells Brief bei; bis
jetzt konnte ich mir ihn bei jedem Briefe recht lebhaft vorstellen, ich sah im
Geiste alle den jugendlichen Leichtsinn, gepaart mit der Reue und einer innern
Langeweile, wie er dann von neuem noch lauter in seine Harfe schlug, und mir
noch poetischer schrieb, um sich selbst zu betäuben; ich sah jede Miene und
Gebärde, und nahm darum nicht alles ganz so ernstaft, wie es auf dem Papiere
stand. Aber plötzlich ist mir Lovell ganz fremd geworden, er hat gleichsam die
ganze Larve abgenommen und erscheint nun in seiner natürlichen Gestalt: dieser
Menschenhass, diese Verachtung seiner selbst, o sagen Sie, würden Sie zu einem
solchen Menschen je einen freundschaftlichen Zug empfinden können? Diesen Brief
kann ich unmöglich beantworten, und wozu auch die Antwort, da ich es innig
fühle, dass er mich ganz und auf ewig von William getrennt hat? Eine Frau, die
ihren Mann geliebt hat, kann den Scheidebrief nicht mit einer tieferen Rührung
betrachten, als mit der ich diesen Brief ansehe. - Ich bin voller Schmerzen und
Unruhe; leben Sie recht wohl; den besten Gruß an Ihre Gattin.
 
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                             William Lovell an Rosa
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Sie haben recht, Rosa, dass uns das Ungewöhnliche und Seltsame sehr oft näher
liegt, als wir gemeiniglich glauben, ja, dass es oft mit dem Gewöhnlichen ganz
dasselbe ist, nur dass es sich hier in einer andern Beziehung zeigt, als dort.
Ich habe soeben den Brief Balders vor mir, und vergleiche ihn mit einigen Ideen
meines Vaters, die er kurz vor seinem Tode niederschrieb, und ich finde, dass
beide dasselbe nur mit andern Worten sagen, dass ich alles selbst schon
außerordentlich oft gedacht, nur niemals ausgedrückt habe. Die
verschiedenartigsten Meinungen der Menschen, zwischen denen ungeheure Klüfte
befestigt scheinen, vereinigen sich wieder im Gefühle, die Worte, die äußern
Kleider der Seele, sind es nur, die sie verschieden erscheinen lassen. Unsre
kühnsten Gedanken, unsre frechsten Zweifel, die alles vertilgen, und gleichsam
durch eine ungeheure Leere streifen, durch ein Land, das sie selbst entvölkert
haben, beugen sich wieder unter einem Gefühle, das die verlassne Wüste anbaut.
Die verschiedenen Gedankensysteme der Menschen sind nur zufällige Kunstwerke,
die jeder sich so oder so aufbaut, und mit diesen oder jenen Zieraten aufputzt,
je nachdem es ihm gutdünkt. So wie dieser die Tragödie, jener die Komödie liebt,
ein andrer das lyrische, ein andrer das didaktische Gedicht; so macht sich der
eine die stoische, der andre die epikurische Philosophie zu eigen: aber alles
sind nur die Aussenwerke
