 verbergen sollen, die der Dünkel erfunden hat, um sich
zu verschönern. O glaube mir, man kennt die Menschen, wenn man sich selbst
kennt. - Und ich kann Dir auch diesen Eigennutz, diese heimliche Freude nicht
verübeln, nur bin ich verdrießlich, dass Du alles so absichtlich zu verstecken
suchst, und mit glänzendem Firnis anzustreichen. Du ziehst Dich von mir zurück,
seit unsre Meinungen sich getrennt haben, und Deine Freundschaft für mich
entstand vielleicht bloß, weil ich Deine Eitelkeit nährte.
    Ach, wenn ich den trüben Strom meiner Erfahrungen hinuntergehe, und daran
denke, aus wie seltsamen Vorfällen sich so oft mein Leben zusammenfügte! Wie
gedemütigt stehe ich dann an denselben Plätzen, an denen ich mich ehemals so
groß und edel fühlte, bloß weil ich mir selber meine innern Empfindungen
abstritt. - Eitelkeit, sagt ich, verband uns vielleicht, und ich möchte jetzt
hinzusetzen, dass ich nicht mehr daran zweifle.
    Erinnerst Du Dich noch des Tages, an welchem zuerst aus einer Bekanntschaft
unsre sogenannte Freundschaft entstand? - Wir waren auf einem Spaziergange, es
war ein schöner Tag, und wir bestiegen den Berg, auf welchem schauerlich und
wild die Ruinen eines alten Schlosses liegen. - Du klettertest mir mit
jugendlichem Mute voran, um mich in der Kühnheit zu übertreffen, und mein
Wetteifer vermehrte sich mit Deiner Geschicklichkeit. Wir standen oben, und
sahen mit Entzücken in die romantische Gegend hinab; ich hatte Dich bewundert,
aber Dir war es noch nicht genug, Du stelltest Dir jetzt auf den äußersten Punkt
eines hervorragenden, zerbröckelten Gesteins, so dass mir hinter Dir schwindelte.
Ich sah Dich frei in der Luft schweben, und eine unbegreifliche Lust ergriff
mich, Dich von der Spitze des Felsen in die Tiefe hinunterzustossen; je mehr ich
mich dieser Begierde erwehren wollte, desto heftiger ward sie in mir; endlich um
mich selbst zu überwältigen, riss ich Dich mit gewaltigen Armen zurück, und
schloss Dich an meine Brust, und weinte laut; Du weintest mit mir, denn Du
glaubtest, meine Tränen wären nur Zeugen meiner Liebe, meiner Besorglichkeit für
Dich; - und so band Dich ein bloßer, schrecklicher Irrtum an mich. Hätte ich Dir
mein Gefühl gestanden; so hättest Du mich mit Abscheu zurückgestoßen, und einen
verworfenen Menschen genannt: Du wärest von dem Augenblicke an mein Feind
geworden. - Aber jetzt gesteh ich Dir dies Gefühl, weil Du doch immer so strenge
Wahrheit verlangst. Wie sich dieser ganze Brief in dem verkleinernden Glase
Deiner Seele abspiegeln wird, kann ich nicht berechnen. - Wer sich selbst etwas
näher kennt, wird die Menschen für Ungeheuer halten. -
 
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                           Mortimer an Eduard Burton
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Ich vereinige meine mit Amaliens Bitten,
