 eine fremde Idee jemals die meinige
werden könne, wenn ich sie nicht schon vorher gehabt habe. -
    Leben Sie wohl, und geben Sie mir von Ihren Progressen Nachricht. Ich werde
dieses Abenteuer als den guten oder schlechten Plan einer Komödie ansehen; zeigen
Sie sich daher im dramatischen Fache, wenigstens als ein ebenso guter, wo
möglich noch besserer Dichter, als Sie bis jetzt im Lyrischen getan haben.
 
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                             William Lovell an Rosa
                                                                            Rom.
Es ist alles vergebens. Ich bin mir in meinem Leben noch nicht so einfältig
vorgekommen, als seit einigen Tagen. - Oder sollte das seltsame Ding, was in
einem Lande Schande, im andern Ehre bringt, woran keiner glaubt, und wogegen die
ganze Natur sich empört - sollte die sogenannte weibliche Tugend hier wirklich
einmal kein Vorurteil sein? Und doch ist es nicht möglich, mein Benehmen ist nur
linkisch und ungeschickt. Das Mädchen mit diesen glänzenden Augen muss
Temperament haben, nur versteh ich nicht die Kunst, Sinnlichkeit, Eigenliebe und
Eigennutz bei ihr auf die wahre Art in Bewegung zu setzen.
    Spotten Sie übrigens, wie Sie wollen, es ist gewiss ein himmlisches Geschöpf!
 
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                        William Lovell an Eduard Burton
                                                                            Rom.
Ich bin Dir noch die Nachricht schuldig, dass ich mich jetzt besser befinde, und
dass ich nunmehr bei kälterem Blute Deinen Brief gründlicher zu verstehen glaube.
Was Du gegen meine Ideen sagst, ist sehr wahr und gegründet; allein jeder Mensch
hat seine eigene Philosophie, und die langsamere oder schnellere Zirkulation des
Blutes macht im Grunde die Verschiedenheit in den Gesinnungen der Menschen aus.
Daher hast Du in Deiner Person völlig recht, und ich in der meinigen nicht
unrecht. Das ist eben das Hohe in der menschlichen Seele, dass sich ihr einfacher
Strahl in so unendlich mannigfaltige Farben brechen kann; ich gebe Dir zu, dass
keine von allen die wahre sei, aber ebensowenig kannst Du behaupten, jene ist
ganz verwerflich, weil jedes Auge jede Farbe anders sieht, und Du das vielleicht
blau nennst, was mir als rot erscheint.
    Doch wir wollen darüber nicht weiter disputieren. Du irrst aber darin
völlig, wenn Du meinst, dass meine Gedanken nur Wiederholungen von fremden sind.
Von Jugend auf habe ich die Menschen gehasst und verachtet, die nur das Echo
andrer sind, denn ihnen fehlt das Kennzeichen der Menschen; in die Klasse dieser
kläglichen Geschöpfe wirst Du mich hoffentlich niemals geworfen haben; und dann
ließe sich wohl immer noch die Frage aufwerfen, ob es bei einem Menschen von
einigem Verstande möglich sei, ihn zu einer andern Denkungs- oder Handelsweise
zu verleiten, bei der seine sogenannte Moralität litte.
    Schilt mich nicht wieder einen Sophisten, denn ich will nun einmal recht
kalt und gemässigt sprechen. - Denke Dir
