 Ihre ganze Meinung? -
 
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                             William Lovell an Rosa
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Ich lebe hier in einem Taumel von einem Tage zum andern, ohne Ruhepunkt oder
Stillstand fort. Mein Gemüt ist in einer ewigen Empörung, und alles vor meinen
Augen hat eine tanzende Bewegung. Man urteilt nur dann über das Leben am
richtigsten, wenn man im eigentlichen Sinne recht viel lebt, nicht nur den
Becher einer jeden Freude kostet, sondern ihn bis auf die Hefen leert, und so
durch alle Empfindungen geht, deren der Mensch fähig ist. - Mein Blut fließt
unbegreiflich leicht, und meine Imagination ist frischer.
    Mit der ersten Gelegenheit denke ich meinen Willy nach England
zurückzuschicken; mit seinem altväterschen Wesen und seiner gutgemeinten
Überklugheit fällt er mir zur Last. Er will mit aller Gewalt mein Freund sein,
und es möchte hingehn, wenn er nur nicht den Bedienten ganz darüber vergässe. Als
ich neulich spät in der Nacht, oder vielmehr schon gegen Morgen mit dem
fröhlichsten Rausche nach Hause kam, hielt er mir eine patetische Rede, und
verdarb mir meine Laune. Er will gern fort, und sein Wille soll geschehen. -
    Sie munterten mich ehedem auf, das Leben zu genießen, und jetzt sind Sie
zurückgezogener als ich. Kommen Sie her, damit ich den verworrenen Rausch in
Ihrer Gesellschaft genieße, und meine Sinne noch trunkener werden. Ich bin eben
bei unsrer Signora Bianca gewesen, die das Muster der Zärtlichkeit ist, sie kann
den teuren Rosa immer noch nicht vergessen, und spricht mit Enthusiasmus von
ihm; Sie tun unrecht, das zärtliche Geschöpf so ganz zu vernachlässigen, ich
habe noch viele andre Grüße zu bestellen, die Sie mir erlassen mögen, genug, Sie
stehen bei allen unsern schönen Bekanntschaften im besten Angedenken. Ich bin auf
heut abend zur schwarzäugigen Laura hinbestellt, die jetzt schon meine ganze
Phantasie beschäftigt.
    Wer kann die unbegreiflichen Launen zählen und beschreiben, die im Menschen
wohnen? Die seit einigen Wochen in mir erwacht sind, und aus meinem Leben das
bunteste und wunderlichste Gemälde bilden? Frohsinn und Melancholie, seltsame
Ideen in der ungeheuersten Verbindung, schweben und gaukeln vor meinen Augen,
ohne sich meinem Kopfe oder Herzen zu nähern. Man nenne doch die schöne
Erweckung der innersten Gefühle nicht Rausch! man sehe nicht mit Verachtung auf
den Menschen hinab, dem sich plötzlich in der glücklichsten Erhitzung neue Tore
der Erfahrungen auftun, dem neue Gedanken und Gefühle wie schiessende Sterne
durch die Seele fliegen, und einen blaugoldnen Pfad hinter sich machen.
    O Wein! du herrliche Gabe des Himmels! fließt nicht mit dir ein Göttergefühl
durch alle unsre Adern? Flieht nicht dann alles zurück, was uns in so manchen
unsrer kalten Stunden demütigt? Nie stehen wir in uns selbst auf einer so hoch
