. Er sagte, mit kühnem Blick in ihre Seele: »Als
Armida wird Ihnen keine Sängerin auf der Erde den Rang streitig machen; als
solche können Sie auftreten, wo Sie wollen.«
    Bei Tische sprach er nur wenig von ihr, rühmte aber desto mehr die
Fertigkeit im Lesen, das gute Ohr, und den reinen Griff ihres Bruders, und auch
Feierabends.
    Hohental antwortete: »Die Musik ist, als Liebhaberei betrachtet, mehr eine
Sache für Frauenzimmer, als für Mannspersonen. Die Stimme der Melodie, oder der
Sopran ist überhaupt das Vorzüglichste der ganzen Musik; und diesen haben
natürlicher Weise die Frauenzimmer allein: denn von Kindern ist nicht die Rede.
Wenn ein guter Kopf das Vortrefliche nicht haben kann: so gibt er sich mit dem
Geringern weniger ab.«
    Hildegard widersprach ihm hierin, und sagte: dass eine schöne Tenorstimme bei
Männern dasselbe sei, was beim Frauenzimmer der Sopran.
    »Gewiss nicht so ganz für das Ohr, erwiderte er, und das Tiefere darf und
kann nicht die leichte Schnelligkeit haben. Doch darüber wollen wir nicht
streiten. Ferner, und was das Wichtigste ist, müssen wir unsre Zeit zu andern
Dingen anwenden; und vollkommen kann keiner in irgend einer Kunst werden, wenn
er nicht seine ganze Zeit darauf verwendet. Also ist die Musik bei mir nur
Erhohlung, Zeitvertreib, den ich aber unendlich höher schätze, als Kartenspiel
und andre elende Beschäftigungen.«
    »Wenn einer leistet, was er vermag und im Stande ist, nicht heuchelt und
schmeichelt, und sich nicht über seinen Grad von Vollkommenheit erhebt, und
sollte er auch mittelmäßig sein: den muss man schonen. Freilich kommt es einem
schwer vor, wenn andre dies rühmen und preisen. Wenn einer aber bei seiner
Mittelmässigkeit übermütig ist, die Vortreflichen lästert und Kabalen schmiedet:
da muss man streng sein. Es ist nichts unerträglicher, als wenn Pigmäen auf
Stelzen einher schreiten, und es für natürliche Größe ausgeben wollen.«
    »Sie, Herr Lockmann, und alle Künstler, meine Schwester und alle
Frauenzimmer, die es so gemächlich haben, wie Sie, sind weit besser daran, als
wir, wenn wir das leisten wollen, wozu uns unsre Bestimmung fordert. Sie können
frei nach Vollkommenheit streben: wir müssen es nach Verdienst und Nutzen.«
    Hildegard, die neben ihm saß, drückte ihm die Hand dafür, und sagte: »Wie
freut es mich, Dich so sprechen zu hören! Es ist schön, edel und wahr. Doch
müssen wir etwas genauer bestimmen, was eigentlich Vollkommenheit und Verdienst,
und Nutzen und Vergnügen von einander unterscheide.«
    Ihr Bruder erwiderte: »Um mich durch ein Exempel zu erklären; ein Europäer
am Kap gibt zehn und mehr
