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    »Da die Auswahl der Stimme nach Ton und Umfang so äußerst selten in des
Komponisten Gewalt steht: so fällt das Hauptindividuelle von selbst weg.
Derselbe Sänger, und dieselbe Sängerin stellen mehrere Personen von dem
verschiedensten Charakter vor. Der Dichter muss alles tun; und der Komponist
trachtet bloß nach schöner Melodie und Harmonie, und schweift aus nach Belieben,
wie bei Instrumentalmusik. Leere Bewunderung ist alles, was er verlangt.«
    »Pergolesi drückt in seinem Se cerca, se dice die reinste gefühlvollste
Natur aus, und entzückt die Kenner. Ein andrer zieht mit einem Pomp von
Instrumenten, und einem Schwall von Harmonie und Disharmonie auf, die nichts
sagt, und bezaubert den Janhagel. Der Schwarm mittelmässiger Komponisten richtet
sich nach dem letztern, und nicht nach dem ersten; und die vortrefflichen Meister
endlich selbst nach dem großen Haufen. Und so stehen denn die Komposizionen nach
denselben Texten himmelweit von einander; die Musik zu einer Oper von Metastasio
könnte man zu allen seinen andern brauchen, wenn man nur das Sylbenmaass danach
veränderte; so wenig Charakter und eignen bestimmten Ausdruck hat die heute
gewöhnliche Musik.«
    »Das Klassische gleicht einem Wald von hohen Stämmen; es fasst nur mit der
Zeit tiefe Wurzel, und strebt hoch in die Lüfte. Homer, Sophokles, und Euripides
wurden durch die Zeit bewährt; so Horaz und Virgil; so Petrarca, Ariost, und
Tasso; Raphael, Tizian und Korreggio; so Korneille, Racine und Moliere. Und so
hat es die Zeit schon an Allegri, Leo, Händel und Jomelli getan; und so wird
sie es bald tun mit Traetta, Majo, Gluck und andern. Neid und Kabale, seichtes
Gefühl und schwache Einbildungskraft, obgleich zuweilen bei guter Theorie,
welche mittelmäßige Werke ausposaunen, und vortreffliche lästern; kindische
Liebhabereien des rohen gemissleiteten Pöbels müssen endlich vor dem Urteil der
Kenner und der großen dauernden Wirkung verstummen. Das Klassische, wenn es
keine teufelische Zerstörung angreift, hält sich mit der Zeit selbst fest.
Verstand und Klugheit aber ist es, der Zeit zu Hilfe zu kommen, und dessen
Wirkungen zu vervielfältigen. Man sollte die entschiednen großen Meisterstücke
wenigstens jährlich einmal wieder in die Seelen bringen; aber nicht verhunzt
sondern vortrefflich. Bei den Kirchenmusiken geschieht es mit einigen; bei den
Opern noch nicht. Das Brodstudium der lebenden Komponisten wird es aber nicht
lange mehr hindern.«
    Hildegard antwortete: »Es ist eine wahre Lust für mich, solche Unterredungen
zu hören, und darüber nachzudenken. Ein verzweifelter Streich aber wär' es, wenn
die Monarchin, von der Sie sprachen, keine gute Stimme hätte!«
    Lockmann versetzte: »Nach aller Ohrenphysiognomik muss sie eine haben, oder
sie könnte die große Frau, das Wunder
