 unter seinem Bilde. Selbst die
größten Philosophen sehen alles in der Natur als notwendige Erscheinungen an,
und die Toren verzweifeln endlich an ihrem eignen freien Willen.«
    Feierabend erwiderte: »Vielleicht mehr wert, als der ganze dicke Atlas
Marianus; aber gerade die klösterlichen Betrügereien, um goldne und silberne
Opfer zu gewinnen, sollte man nicht gestatten. Die Religion soll nicht allein
glücklich, sondern den Menschen auch besser und rechtschaffener machen; und
nicht auf der einen Seite fetten Müßiggang, und auf der andern mageren und armen
Fleiß ins Land bringen.«
    Hildegard suchte das Grelle des Hofmeisters zu mildern, und sagte: »Man darf
überall nie zu streng sein. Auch die guten Künste der Einbildungskraft leben auf
Kosten der Stärke. Wenn das Unkraut nur nicht zu häufig unter dem Weizen ist!
mit allzu genauem Ausjäten zertritt und verderbt man endlich selbst die Saat. Da
so viele Mädchen an keinen Mann kommen können: warum wollte man zwanzig oder
dreißig alten Jungfern ein wenig Feinheit übel nehmen, die sie sich erlauben,
eine bequeme Pflegestätte zu haben? Und dann unterstützen sie wieder die Armen
und Kranken; und ihre Zeremonien sind ein erfreuliches Schauspiel für das Volk.«
    Ihr Bruder stand nun seinem Feierabend bei: »O ja, die Klöster sind gar
etwas Erbauliches. Wenn es auf die Damen ankäme: so hätten wir ihrer noch einmal
so viel. Inzwischen als gemeinschaftliche Hülfsquellen, und nicht zu zahlreich
besetzt, könnte man immer ein Paar auf einige Meilen in der Runde dulden.«
    Lockmann saß Hildegarden gegenüber, liebenswürdiger, als sie ihn noch
gesehen hatte; obgleich ihre Augen in der Bekanntschaft den Worten weit voraus
waren. Ein Geist der Liebe umleuchtete seine Locken, glänzte auf seinen Wangen,
und rötete süß die Lippen. Sie betrachteten oft einander, und ihre Seelen
unterhielten sich lebhaft im Stillschweigen. Nicht weit vom Hause warf ein Stoß
des Wagens von einer Anhöhe herunter sie fast in seine Arme; ihre Knie berührten
die seinigen, und ihre rechte Hand kam gerade flach mit dem zartesten Sinn des
Gefühls auf seine gewölbte breite warme Brust. O, wie ihm das wohl tat! O, wie
auch ihr das wohl tat! Aber sie war geschwind wieder auf ihrer Stelle. Man
scherzte über den Zufall, kam an, und ging aus einander.
    Dass Hildegard so fertig und gut Italiänisch sprach, war für Lockmannen die
angenehmste Entdeckung, das unverhofte Glück, und das Liebste der ganzen
Spazierfahrt. Die drei Küsse, recht schmackhaft, frisch und voll, waren auch
etwas wert, und er fühlte sich noch mit der blühenden Weiblichkeit verschlungen
und verdoppelt; aber der Gedanke: Nonne! verdarb alles; und dann war es nur
Schatten gegen Hildegarden, ein Husarenraub, geschwind erhascht
