 die letzt die Momente eines Gafangenen, wo er sich
wieder ganz frei und glücklich fühlt; wie sich das bindet und löst und in
einander schmilzt!«
    »Kor mundum crea ist reine liebliche Schönheit mit Rosen gekränzt; et
spiritum rectum innova, wie Tetis im Homer den Zevs bittet; und so fort bis zu
visceribus meis.«
    »Libera me; das lyrische Feuer schlägt in höhere hellere Flammen, und die
Begeisterung erreicht den höchsten Flug.«
    »Quoniam si voluisses ist hohe Tempelpracht; man glaubt in dem zu Ephesos zu
sitzen und zu hören; es ist alles schon so ganz eingeweiht und heilig.«
    »Sacrificium Deo spiritus contribulatus: cor contritum et humiliatum Deus
non despicies: ist der concentrirteste Lebenspunkt vom Ganzen. Dieser Vers ist
wie der Kopf der Mutter Niobe in der Gruppe, nur alles von Skopas selbst; und
gehört unter das Erhabenste der Musik. Es ist so bittend, so voll Seele
schmeichelnd, dass ein Phalaris nicht dagegen aushalten könnte. Man meint, einen
Chor auserwählter Griechischer Jünglinge und Jungfrauen im Tempel des Apollo bei
einer allgemeinen Landplage zu hören.«
    »Der Schluss vollendet so recht in Majestät das große Ganze voll Plan und
Überlegung, wozu ein göttlicher Verstand die Idee entwarf. Wie voll Heiligkeit,
tiefer Andacht und Ehrfurcht das Tunc imponent super altare hervorgeht! Man kann
davon sagen, dass dies so recht voller Klang ist, und jeder geheime schöne Ton
aus der Natur dazu hervorgelockt und gezaubert.«
    »Aber man muss auch würdiger Mensch genug sein, um so etwas klar genießen zu
können. Die hohe Kunst erfordert Verstand und Wissenschaft, und geläuterte
Sinne. Sie ist deswegen nicht Künstelei, weil sie der Bauer oder rohe Mensch
nicht fasst; der zwar auch ein angenehmes und oft rührendes Geschwirr von Tönen
hört, aber nicht den auf jede Fiber eindringenden erquickenden Genuss hat. Nur
Wenige sehen das Weltsystem an wie Keppler und Newton; aber ist die Natur, die
es hervorbrachte, deswegen eine Grillenfängerin, und sind sie Pedanten, weil sie
sich ganz anders darüber freuen, als der große Haufen? Unwissende, eingebildete
Gecken möchten freilich bei hoher Kunst zuweilen so etwas behaupten.«
    »Es ist in diesem Werk alles vereinigt, tiefes Gefühl, erstaunlicher
Reichtum der Kunst, reine Schönheit und Proporzion im Ganzen und in den
Teilen; keusche Verzierungen und edler Schmuck.«
    Hildegard musste zuweilen über Lockmanns schwärmerische Ausdrücke lächeln;
sagte aber, nachdem sie alles mit ihm durchgegangen war, und das Schönste mit
ihm gesungen hatte: »Das Miserere von Allegri, so himmlisch es ist, und so
vielen Seelenklang es hat, der voll schmelzender Süßigkeit ins innerste Wesen
hinunter steigt, muss doch diesem weichen. Es ist bloß Traube oder Most,
