 Barbitons,
einer antiken Guitarra, begnügen.«
    »Das Ohr ist gewiss unser richtigster Sinn; und selbst das Gefühl, welches
man bisher für den untrüglichsten gehalten hat, bildet sich nach ihm. Das
geübteste Aug' eines Mahlers und Messkünstlers ist bei weitem nicht im Stande,
nur so die leichten Verhältnisse der Hälften, Drittel, Viertel, Fünftel und
Sechstel einer Linie, irgend einer Länge und Größe in Wirklichkeit auf ein Haar
zu treffen; geschweige die schweren Verhältnisse, welche die nach dem Gehöre
lange geübten Fingerkoppen eines Tartini, Pugnani, Lolli, Kramer, Viotti in
verwegnen Sprüngen, Läufen, Übergängen zum Erstaunen der Kenner auf ihrer
Geige, dem vollkommensten unter allen Instrumenten, richtig greifen. Deswegen
sind die Taubgebornen auch um so vieles trauriger und unglücklicher, als die
Blinden, weil sie den Hauptsinn des Verstandes, der die andern zur Richtigkeit
gewöhnt, nicht haben; und so gibt die Musik unter allen Künsten der Seele den
hellsten und frischesten Genuss3.«
    »Wahrscheinlich übertrift das Ohr des Menschen an feiner und mannigfaltiger
Aufnehmung und Unterscheidung der Töne auch das Ohr aller andern Tiere. Mich
dünkt, schon die Menge der Sprachen allein wäre hinlänglicher Beweis. So wie der
vortreffliche Lehrmeister des Gefühls, ist es noch Lehrmeister der Zunge und der
Kehle. Ein vollkommen zartes, festes, reines, und noch mehr, ausgebildetes Gehör
ist freilich auch eben so selten, wie alle hohe Schönheit; und durch böse
Gewohnheiten kann man diesen göttlichen Sinn sehr verderben. Wer ihn aber nicht
einigermaßen in Vortreflichkeit hat, soll sich nicht mit Gesang und
Instrumenten plagen, wo er notwendig entscheidet.«
    »Doch ich muss um Vergebung bitten, dass ich Ihre Geduld ermüde.«
    Alle beteuerten, dass sie keine angenehmere Unterhaltung haben könnten.
Hildegard erwartete ihn bei seiner Methode, das Klavier zu stimmen, und war aus
mehreren Gründen schon für die gleichschwebende Temperatur entschieden. Sie
sagte: »Es freut mich innig, dass Sie sogleich das wahre Wesen unserm Geist
vorhalten. Ohne strenge Untersuchung der ersten Elemente dieser hohen Kunst kann
man zu keiner Sicherheit darin gelangen.«
    Er fing aufs neue an.
    »Die gleichschwebende Temperatur gefällt, weil sie einige stolze, hoch daher
fahrende, grelle große Terzen, einige schlaffe Quinten und unglückliche kleine
Terzen nicht hat, und alles bei ihr galant und gewandt ist. Dafür fehlt ihr aber
auch die vollkommne Schönheit, und der mannigfaltige Ausdruck.«
    »Wenn man das Klavier nach Quinten stimmt: so ist sie mit bloßem Gehör
schwerlich vollkommen zu erhalten; man muss ein Zwölftel Überschuss von 524288 zu
531441, um wie viel zwölf Quinten die Oktave überschreiten, jeder gerade
abnehmen; und das Verhältnis einer solchen temperirten Quinte ist selbst nicht
leicht für die Rechnung.
