 außer unserm Hause, hat mir je so viel Vergnügen gewahrt!«
Diese Worte gingen der Mutter tief zu Gemüte. Hildegard hohlte inzwischen den
Sophokles, und las den Inhalt der Geschichte, um das Ganze gegenwärtig zu haben.
            Antigone.
»Der Text« - fing Lockmann an, wandelte mit Hildegarden im Saale auf und ab, und
die Mutter ward mehr als je von einem besonderen Gefühl überrascht, als sie die
schönen jugendlichen Gestalten, und die außerordentlichen Reize des
unvergleichlichen Paares aufmerksam betrachtete - »Der Text, das Gedicht, ist
von Koltellini, nach dem Lieblingsstücke der Atenienser von Sophokles; das
Ganze aber, so wie Euripides die Fabel behandelte. Antigone begräbt den erlegten
Bruder Polynikes gegen das Verbot ihres Oheims Kreon, welcher die Todesstrafe
darauf gesetzt hatte. Dieser verzeiht ihr endlich in der Grube, worin sie
verhungern sollte, und sie vermählt sich mit Hämon, seinem Sohne.«
    »Sophokles ist ohne Vergleich lebendiger, als der Italiener. Jener stellt
die Antigone in dem von ihrem Vater geerbten Charakter dar: erhaben über alles
Unglück, unbeugsam bei einer edlen Tat, und doch dabei weiblich, erzürnt und
erbittert gegen ihre schwache Schwester und den Oheim; durchaus voll Gefühl und
Verstand.«
    »Sophokles lässt weislich die gerechte Sache des Polynikes unberührt, damit
Kreons Verbot nicht allzu unwahrscheinlich und tyrannisch werde. Vielleicht
hätte das Ganze gewonnen, wenn Eteokles als ein liebenswürdiger Regent wäre
geschildert worden; jetzt muss man nur raten, dass er es ist, weil ihm die
Tebaner so beistehen. Polynikes fehlte gewiss, dass er sein Vaterland verwüstete,
um wieder zur Regierung zu gelangen. Beim Sophokles ist es doch ein Kampf sehr
wahrscheinlicher Leidenschaften; der Italiener aber macht den Kreon gar zu
unerträglich.«
    »Antigone ist inzwischen höchst interessant, und durch Traetta's Zauber eine
wahre tragische Person: leidend, voll Gefühl und Adel; das letztre nur nicht so
schön, wie bei dem Griechen. Auch behandelt dieser das Begräbnis viel feiner,
und nicht so ohne Wahrscheinlichkeit, wie der Italiener.«
    »Doch ist Traetta dabei wahrhaft erhaben, und greift bis ins Innerste.
Dichter und Komponist haben vorzüglich für die Antigone gearbeitet, und sie den
Reizen der Gabrieli zum Opfer gebracht.
    Im
            ersten Akt
ist nichts Außerordentliches. Die Chöre darin sind schön; die Recitative gut
declamirt; und die erste Arie der Antigone voll einfachen Ausdrucks: D'una
misera famiglia, tutta sai l'istoria amara39.
    Der Anfang des
            zweiten Akts
gehört aber unter das Allervortreflichste der Italiänischen Musik; es ist so
recht der eigentliche wahre edle tragische Ton aus der Seele gehohlt, was der
Mensch von hoher Kultur empfinden muss, wenn er die erhabensten Stellen im
Sophokles und Euripides liest. Auch die
