
bedeuten, sondern die große Masse der Harmonie in Chören behaupten; und die
übrige Natur der Instrumente mit allen Schätzen des Luftreichs immer der
menschlichen Stimme, dieser Despotin der musikalischen Schöpfung, gehörig zu
Gebote stehen.«
    »Die Fabel des Orfeo ist zwar ein reicher, aber kein tragischer und
teatralischer Stoff. Das Ganze lässt sich dem Sinn des Auges nicht wohl
darstellen: es ist mehr episch, oder für die Phantasie, und die Katastrophe
beruht auf der Zerstreuung eines Poeten und Verliebten. Vielleicht wäre es
treflich für eine rührende komische Operette, wie ein Geistlicher im
Schwabenlande den Apfelbiss unsrer ersten Eltern behandelt hat. Aber es scheint,
dass Orpheus, wie bei den Griechen, auch bei den neueren Nazionen in der Kunst
voran gehen solle: Polizian fing mit ihm das neuere Schauspiel an; und Rinuccini
hundert Jahr nachher die Oper.«
    »Das Wesentliche der Fabel ist Liebe, Gewalt der Musik, selbst über die
Götter des Tartarus, und doch Schwachheit der menschlichen Natur am Ende.«
    »Kalsabigi hat den Stoff einzeln gut behandelt, und nur in der Anlage, wenn
man will, gefehlt. Da er tragisch sein sollte, so durfte das Ganze nicht, gegen
die Fabel selbst, glücklich ausgehn, und Orpheus die Euridice doch noch
bekommen. Der Dichter richtete sich aber nach der neueren verzärtelten Natur,
besonders der Italiener, die nichts Tragisches mehr vertragen kann. Das Ganze
ründet sich deswegen auch nicht, zerfällt in vier Akte, und wird gleichsam
viereckig.«
    
    »Der erste Akt ist Leichenfeier; und Erscheinung Amors, als Beistand. Der
zweite, Kampf und Sieg über die Unterwelt. Der dritte, Erliegung der Menschheit,
und Verlust. Der vierte, Geschenk und Gnade.«
    »Gluck ist in seiner neueren Musik wirklich Originalgenie; er arbeitet
beständig auf den Ausdruck, und sein Zweck dabei ist tiefe Wirkung des Ganzen.
Als Mann von Verstand, Gefühl und großer Kunstkenntniss erreicht er diesen Zweck
auch in seinen besten Werken.«
    »Allein dies ist noch nicht genug. Vollkommne Kunst besteht in Darstellung
nicht der Natur überhaupt, oder dieser und jener Art von Natur, sondern der
gebildeten Natur in ihrer Stärke und Fülle, der hohen, schönen, der edelsten und
schönsten Natur. Kein Drama, kein Gemälde, keine Bildsäule, wenn sie nicht
bloßes Porträt sein soll, kann in die erste Klasse gesetzt werden, falls sie
nicht auch vortrefflicher Ausdruck, vortreffliche Darstellung der ersten Klasse
von Menschen ist.«
    »Nach dieser Regel, die zu allen Zeiten wahr bleibt, kommt Gluck, was hohe
Schönheit betrifft, den großen Neapolitanischen Meistern, Leo, Jomelli, Traetta,
Majo selten gleich, wenn man ihr Vortrefliches mit dem seinigen in Vergleichung
stellt. dabei
