. Ein Volk,
das arm an Sprache ist, muss sie häufig brauchen; bei einem an Sprache reichen
Volk ist sie bloßer Luxus. Die Freude an ihr entsteht daher, dass wir gern
bewegt, gerührt und erschüttert werden, es sei, wovon es will; wenn es nur nicht
weh tut, oder doch nur angenehm weh tut.«
    »Der Verstand hat über dies sein Spiel dabei im Dunkeln mit den Proporzionen
der Bewegungen der Luft; und es gibt wenig Dinge, wo Empfindung und Verstand so
beisammen sind, dass man die eine von dem andern nicht unterscheiden kann.«
    »Blosse Instrumentalmusik ist oft nichts mehr, als ein leerer Ohrenkitzel,
wie Taback für Nasen und Zungen; wir vergnügen uns daran aus Gewohnheit, um
immer etwas zu empfinden, unsre Existenz anzuwenden.«
    »Und dies waren die letzten Worte, die Sie diesen Morgen hörten. Lockmann
hat gesagt, was zu sagen war; ich bekenne in manchem nun meinen Mutwillen und
Irrtum, freue mich aber, wenn Sie Gelegenheit gaben, strengere Untersuchungen
anzustellen. Die himmlische Musik hat keinen größeren und innigern Verehrer als
mich; und wo ich nur ein Paar Hörner und Klarinetten höre, muss ich alter Knabe
ihnen nachlaufen.«
    Hildegard fing nun an zu reden, und sagte: »Das größte aller
gesellschaftlichen Vergnügen ist, wenigstens für mich, bei solchen
Untersuchungen gegenwärtig zu sein. Nur muss da Freiheit herrschen, das
Alleräusserste und Verwegenste für seine Meinung zu sagen; und kein Vernünftiger,
der für die hohen Freuden der Geselligkeit gebildet ist, wird das übel nehmen.
Da sprühen und fliegen zuweilen die Funken des Genies herum, wie vom Amboss der
Küklopen, wenn sie mit gewaltigen Hammerschlägen den Donnerkeil des Zevs
schmieden, oder Vulkan Rüstung, Schwert und Lanze eines Halbgotts. In der Glut
des Kampfs erhalten die noch rohen Materien nach und nach und endlich die
schönsten Formen. Die neuen Ideen erzeugen sich dabei wie von selbst, wie der
Blitz am Himmel sich entzündet und glänzend das Wetter durchflammt.«
    »Wenn ich es wagen darf, auch noch ein Wörtchen hinzuzufügen: so scheinen
Sie mir, Herr Reinhold, in Italien zu sehr von den schönen Stimmen verführt zu
sein und die Instrumentalmusik nicht nach Verdienst und Würden zu schätzen. Es
lässt sich viel und Wahres zu ihrem großen Lobe sagen.«
    »Sie verstärkt und bestimmt den Ausdruck der singenden Personen; drückt ihre
stummen Gefühle aus, so wie die Gefühle der Nebenpersonen, und der ganzen
Gesellschaft, und alles Leben der Natur, das sich durch merkliche Bewegung
äußert.«
    »Und selbst das Stillschweigen und den Tod,« setzte Lockmann hinzu, »durch
die Gefühle der Menschen dabei.«
    »Sie hat also einen viel weiteren Umfang
