Die Aussprache im gemeinen Leben,« unterbrach ihn Reinhold hier wieder,
»richtet sich nach dem Ton von Vernunft und Verstand; die Aussprache in der
Musik richtet sich nach dem Ton der Leidenschaften. Musik im strengsten Verstand
ist die Sprache der Leidenschaften; und wenn auch kalte Vernunft hinzu kommt: so
wird sie zum Ton der Leidenschaft gespannt und erhöht.«
    »Warum erhöht man den Ton der Aussprache überhaupt; oder lässt ihn sinken?
Warum bleibt er gleich?«
    »Wenn ich einen Schluss der kalten Vernunft vortrage: so brauch' ich den Ton,
der meiner Kehle und der ganzen Stimmung meiner Existenz der natürlichste ist;
und ich erhöhe ihn bloß, um mit meinem Atem einen frischen Ansatz zu nehmen,
oder auch nur, meine Sprachorgane ohne weitere Bedeutung anzustrengen, um das
Einschläfernde des Einklangs zu vermeiden; ich lasse ihn sinken, weil mein
Atemzug, oder auch die Periode, die ich sage, zu Ende geht. Der Ton meiner
Aussprache ist hier bloß Mittel, meinen Gedanken oder meine Empfindung zu
offenbaren. So bald aber Leidenschaft mein Wesen spannt, bekommt der Ton auch
mehr Gehalt.«
    »Sehr wohl, mein alter Freund, erwiderte Lockmann. Jeder Ton ist das
Resultat unsrer momentanen Existenz. Bleibt unsre Existenz im gewöhnlichen
Zustande: so bleibt auch der Ton derselbe.«
    »Diesen Ton der Stimme muss der Komponist von jedem Sänger und jeder Sängerin
wohl fassen; dieser ist ihr eigentliches C, alle andern Töne stehen damit in
Kontrast. Was hinauf oder herunter steigt, ist Leidenschaft, so bald es über
Quarten und Quinten geht; erhöhter oder erniedrigter Zustand.« -
    »Soll ich zu guter letzt noch den Rodomont machen? Den Mandrikard haben Sie
schon ziemlich gespielt!« Mit diesen Worten blickte der Alte Lockmannen feurig
an, und wendete sich dann lächelnd zu Hildegarden. »Mein Stärkstes, was ich
diesen Morgen sagte, muss wenigstens das verständige Fräulein ganz hören.«
    »Vocalmusik ist verstärkte und verzierte Aussprache; Instrumentalmusik
Nachahmung derselben.«
    »Musik überhaupt ohne Worte ist eine Sprache in lauter Vocalen, und steht an
Nachahmung oder Darstellung der Natur weit unter jeder Sprache; sie hat gar
keine Konsonanten, und kann alle die Eigenschaften, welche diese ausdrücken,
nicht bezeichnen. Musik ohne Worte ist ein Mittelding zwischen Stummsein und
Reden. Ihre wirkliche Existenz ohne Worte gehört in den rohesten Zustand der
Menschheit. Doch ist zu zweifeln, dass Musik ohne Worte selbst bei den ersten
Menschen da war. So gar die Tiere, Papageien, Raben, Ochsen, Schafe und Hunde,
brauchen schon Konsonanten.«
    »Heutiges Tages ist ihr wesentlichster Dienst, dass sie die Gefühle im
Menschen, und die Gegenstände, wozu uns die Worte fehlen, ausdrückt
