 dem bloßen Verhältnis, sind
freilich so allgemein, wie das Element der Luft, woraus sie bestehen, und wie
die Zahlen; aber die Verschiedenheit der Kehlen und Instrumente, wodurch sie
hervorgebracht werden, bestimmt schon sehr ihren Gehalt: und sie unterscheiden
sich wie hundert Goldstücke und hundert Rechenpfennige. Jedoch kann man auch in
ihrem allgemeinsten Ausdruck bei der Verbindung nicht die Zahlen verwechseln.
Die Dreiklänge, das alltägliche Leben, haben schon entschieden ihren bestimmten.
Da diese zu häufig gebraucht werden, so will ich mich bei ihnen nicht aufhalten;
ob man gleich auch hierin harte Fehler begeht. Bei den seltnern Accorden, die
auch nur seltene Leidenschaften bezeichnen, lässt sich aber leicht dartun, wie
richtig das Gefühl großer Meister, eines Leo, Pergolesi, Traetta, Jomelli, Majo,
Händel, Hasse, Graun, Gluck, Benda sie auf ein Haar überein trift und anwendet;
und zuverlässig haben diese Originalgeister einander nicht ausgeschrieben.«
    »Dies verlang' ich zu sehen und zu hören, erwiderte Reinhold; und wir
werden bald einig sein.«
    »Daran soll es nicht fehlen!« fuhr Lockmann ferner fort.
    »Was die Sprache der Musik, und die Musik der Sprache leistet, ist so schwer
als gefährlich zu beantworten und zu entscheiden. Ein Rodomont von Dichter, und
ein Mandrikart von Tonkünstler könnten sich in ihren gut gehärteten Rüstungen
wenigstens heillose blaue Flecken stechen und hauen.«
    »Die Sprache ist das Kleid der Musik, würde der letztre behaupten, und nicht
die Musik das Kleid der Sprache. Wenn sie sich nach der Sprache richtet: so tut
sie es, wie der menschliche Körper nach den Kleidern. Nicht die Italiänische
Sprache hat die Welsche Musik geschaffen, sondern das Welsche Herz und Feuer,
die Neapolitanische Schönheit des Himmels, der Erde und des Meeres; und freilich
ist die Welsche Sprache leichter Schleier, Griechisches Gewand der Empfindungen
oder Töne.«
    »Der Dichter stellt mit Worten, willkürlichen Zeichen die Gefühle dar, in so
weit ihm Darstellung dadurch möglich ist; und der Tonkünstler mit Tönen. Diese
sind die allgemeinen natürlichen Äußerungen und Merkmale des Lebens, und der
Veränderungen des Lebens, und in der Menschenstimme so das Leben und dessen
Veränderungen selbst, als ein Praxiteles, wenn ich mich so ausdrücken darf, den
Stamm der Schönheiten einer Phryne mit seinen bloßen Formen nur je darzustellen
vermag. Der Dichter bestimmt Personen, Ort und Umstände, Leidenschaften,
Minuten, Stunden, Tags- und Jahrszeiten, Reden und Handlungen: der Tonkünstler
bringt das Gediegne der Gefühle lebendig mit seinen Tönen hinzu, und zwingt die
Zuhörer und Zuschauer, die Herzen und Seelen haben, wenn er vortrefflich ist, zu
fühlen, was der Dichter fühlte, oder vielmehr, was der hohe
