 oft unvereinbaren Dingen.
    Was beunruhiget die Menschen, als dass sie ihre Begriffe nicht mit den Sachen
verbinden können, dass der Genuss sich ihnen unter den Händen wegstiehlt, dass das
Gewünschte zu spät kommt, und dass alles Erreichte und Erlangte auf ihr Herz
nicht die Wirkung tut, welche die Begierde uns in der Ferne ahnen lässt.
Gleichsam wie einen Gott hat das Schicksal den Dichter über dieses alles
hinübergesetzt. Er sieht das Gewirre der Leidenschaften, Familien und Reiche
sich zwecklos bewegen, er sieht die unauflöslichen Rätsel der Missverständnisse,
denen oft nur ein einsilbiges Wort zur Entwicklung fehlt, unsäglich verderbliche
Verwirrungen verursachen. Er fühlt das Traurige und das Freudige jedes
Menschenschicksals mit. Wenn der Weltmensch in einer abzehrenden Melancholie
über den großen Verlust seine Tage hinschleicht oder in ausgelassener Freude
seinem Schicksale entgegengeht, so schreitet die empfängliche, leichtbewegliche
Seele des Dichters wie die wandelnde Sonne von Nacht zu Tag fort, und mit leisen
Übergängen stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. Eingeboren auf dem Grund
seines Herzens wächst die schöne Blume der Weisheit hervor, und wenn die andern
wachend träumen und von ungeheuren Vorstellungen aus allen ihren Sinnen
geängstiget werden, so lebt er den Traum des Lebens als Wachender, und das
Seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich Vergangenheit und Zukunft. Und so ist
der Dichter zugleich Lehrer, Wahrsager, Freund der Götter und der Menschen. Wie!
willst du, dass er zu einem kümmerlichen Gewerbe heruntersteige? Er, der wie ein
Vogel gebaut ist, um die Welt zu überschweben, auf hohen Gipfeln zu nisten und
seine Nahrung von Knospen und Früchten, einen Zweig mit dem andern leicht
verwechselnd, zu nehmen, er sollte zugleich wie der Stier am Pfluge ziehen, wie
der Hund sich auf eine Fährte gewöhnen oder vielleicht gar, an die Kette
geschlossen, einen Meierhof durch sein Bellen sichern?«
    Werner hatte, wie man sich denken kann, mit Verwunderung zugehört. »Wenn nur
auch die Menschen«, fiel er ihm ein, »wie die Vögel gemacht wären und, ohne dass
sie spinnen und weben, holdselige Tage in beständigem Genuss zubringen könnten!
Wenn sie nur auch bei Ankunft des Winters sich so leicht in ferne Gegenden
begäben, dem Mangel auszuweichen und sich vor dem Froste zu sichern!«
    »So haben die Dichter in Zeiten gelebt, wo das Ehrwürdige mehr erkannt
ward«, rief Wilhelm aus, »und so sollten sie immer leben. Genugsam in ihrem
Innersten ausgestattet, bedurften sie wenig von außen; die Gabe, schöne
Empfindungen, herrliche Bilder den Menschen in süßen, sich an jeden Gegenstand
anschmiegenden Worten und Melodien mitzuteilen, bezauberte von jeher die Welt
und war für den Begabten ein reichliches Erbteil. An den Könige Höfen, an den
Tischen der
